Wieviel Prozent Sicherheit?

Mai 2018, Susanna Langenbach

Silvia B. ist Ende 20 und arbeitet als Pflegefachfrau in einem Akutspital. Sie hat von ihrem Arbeitgeber das Angebot erhalten, das Nachdiplomstudium in Intensivpflege zu absolvieren. Sie ist unsicher, ob sie das wirklich machen will.

Silvia B. versteht das Angebot ihres Arbeitgebers, eine Weiterbildung zu absolvieren, als ein Zeichen der Anerkennung und schätzt das sehr. Dennoch plagen sie Zweifel, ob es das Richtige für sie ist, eine Weiterbildung in Intensivpflege anzupacken. Es gäbe noch so viele andere Entwicklungsmöglichkeiten, die sie auch interessieren, wie etwa Rettungssanitäterin, Anästhesiepflege, Wundmanagement oder ganz etwas anderes.

50,1 oder 95 Prozent?
Im Verlauf des Gesprächs wird deutlich, dass Silvia B. sehr sicher sein und alle Zweifel bis in den letzten Winkel ausräumen möchte, bevor sie sich entscheidet. In einer Demokratie gilt ein Entscheid bereits bei einer hauchdünnen Mehrheit von 50.1% zu 49.9%, wie ist das bei ihr? Also mindestens 95% Sicherheit möchte sie schon haben, sonst ist ihr das zu wackelig. Geht das überhaupt? Und wenn ja, wie kommt sie dahin? Aktuell bewegt sie sich im Bereich 50/50.
Wie sieht es bei den andern Weiterbildungsrichtungen aus? Auch hier gibt es keine klaren Präferenzen oder Varianten, die wir gleich streichen könnten. Alle Ideen haben ein gewisses Potenzial – mehr allerdings nicht! Vielleicht geht es darum, die Frage anders zu stellen. Statt zu überlegen, für welche Weiterbildungen
sie sich entscheiden soll, könnten wir den Rahmen erweitern, respektive in einer andern Richtung suchen. Häufig fällt Entscheiden dann schwer, wenn die  Entscheidungsvarianten ungünstig gewählt sind. Und so schlage ich vor, uns der Frage zuzuwenden: Was weiss sie bereits und ist klar für sie? Da schmunzelt Silvia B. und meint, genau genommen merke sie schon deutlich, dass sie sich jetzt noch nicht festlegen und für eine zweijährige Weiterbildung verpflichten möchte. Viel lieber würde sie erst ihren Horizont erweitern, reisen, Spanisch lernen, andere Fachgebiete kennenlernen. Bis jetzt war sie immer nur auf chirurgischen Abteilungen, zwar in verschiedenen Häusern, aber eben doch in demselben Fachgebiet tätig.

Vorwärts oder seitwärts?
Aber Silvia B. hat Skrupel, diesem Wunsch nachzugehen: Sie könnte eine grosse Chance verpassen, wenn sie das Angebot für die Weiterbildung ausschlägt. Ausserdem könnte sie Vorgesetzte und Kolleginnen verärgern – was ungünstig wäre, falls sie später vielleicht zurückkehren möchte. Es geht also weniger um die Frage, welche Weiterbildung Silvia B. anpacken will als um die Frage: Will sie im Hinblick auf die berufliche Laufbahn einen Vorwärts oder Seitenschritt machen? Wie sieht in diesem Zusammenhang die Stimmverteilung aus? Silvia B. meint ohne zu zögern: 70% für die Auszeit und Horizonterweiterung. Nun, das ist noch ein Stück weg von den angestrebten 95%. Was bräuchte es, damit sich die Skala Richtung 80% respektive 60% verschiebt? Silvia B. wird nachdenklich und meint, da komme nochmals ein ganz anderes Thema ins Spiel: Sie möchte keinesfalls Team und Vorgesetzte vor den Kopf stossen oder enttäuschen. D.h., hier ist ein Kriterium wirksam, das Silvia B. so direkt nicht steuern kann. Und dennoch ist es wichtig: Wenn sie wüsste, dass ihr berufliches Umfeld ihren Wunsch verstehen und akzeptieren würde, dann würden gleich 90% für die Auszeit mit Horizonterweiterung sprechen.

Sich die Freiheit nehmen
Vor unserem Gespräch war Silvia B. nicht bewusst, dass dieser Punkt eine so bedeutsame Rolle spielt. Für sie ist nun klar: Sie wird das Gespräch mit der Vorgesetzten suchen und ihren Wunsch in der Hoffnung schildern, dass er auf Verständnis stösst. Wenn ja, ist alles gut. Wenn nein, wird sie es trotzdem wagen, bei ihrem Wunsch zu bleiben, weil sie realisiert hat, wie sie dazu neigt, sich von anderen abhängig zu machen. Sie merkt jetzt, wie sie sich damit blockiert und beengt. Sie möchte in dem Sinn den Schritt auch mit 70% Sicherheit wagen. Gemäss dem Satz von Meret Oppenheimer: «Freiheit muss man sich nehmen, sie wird einem nicht gegeben.»

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Susanna Langenbach

Susanna Langenbach ist Laufbahnberaterin für Gesundheitsberufe im biz Oerlikon. Regelmässige Informationsveranstaltungen vor Ort und individuelle Beratung unterstützen Interessierte beim Entscheiden und Umsetzen. Die Berufs- und Laufbahnberaterinnen kennen die Berufe im Gesundheitswesen, die Karrieremöglichkeiten und den Arbeitsalltag in Spitälern, Heimen oder der Pflege zu Hause.