Vorurteile der Psychiatrie

Mai 2019, Josefa Kohler

Man hat es automatisch im Kopf – ein Bild der Psychiatrie. Meistens sind es alte Gebäude mit unheimlichen Kellergewölben und Raben auf dem Dach. Auch denke viele noch an Elektroschocktherapie und an apathische Patienten, die mit Medikamenten sediert werden. Gleichzeitig kommen einem vermutlich aber auch hysterisch schreiende Patienten in den Sinn, welche zwangsmediziniert werden. Von den Vorurteilen über das Personal in der Psychiatrie muss man gar nicht erst beginnen.

Über all diese vermeintlichen Vorurteile möchte ich mich einmal äussern, denn viele haben vielleicht ihren wahren Kern, wurden jedoch durch Filme, schlechte Zeitungsartikel oder Extrembeispiele überzeichnet.

Die Psychiatrische Universitätsklinik Zürich in Rheinau besteht tatsächlich aus unheimlichen, alten Backsteingebäuden, welche noch unheimlichere Kellergewölbe unter sich haben. Wenn ich in einem Spätdienst in den Keller muss, geschieht dies in der Regel im Stechschritt. Auch gibt es hier unzählige Raben, welche so menschengewohnt sind, dass sie zum Teil an die Fenster klopfen. An bewölkten und regnerischen Tagen sieht die Klinik tatsächlich wie ein schlechter Abklatsch aus den Horrorfilmen aus.

Zwar werden auch heute noch Therapien mit elektrischem Strom durchgeführt, vor allem zur Behandlung von schweren Depressionen. Dies ist anscheinend hoch wirksam, jedoch auch sehr aufwendig. Bei den Patienten werden unter Kurznarkose künstlich Krampfanfälle ausgelöst. Dabei normalisiert sich das Volumen der grauen Substanz im Gehirn rund um den Hippocampus wieder und Depressionen können geheilt werden.

Das vermutlich meist verbreitete Vorurteil ist die Sedierung (Beruhigung) von schwierigen Patienten durch Medikamente. Bei diesem Punkt schiesst mein Blutdruck immer etwas in die Höhe! Vielleicht hat man in den 60er-Jahren ab und an mit Medikamenten nachgeholfen, doch in diesem Rahmen ist es heutzutage gar nicht mehr möglich. Zwangsmassnahmen müssen interdisziplinär besprochen, beinahe übergenau dokumentiert und begründet werden. Wenn bei der Fixmedikation auffällt, dass sich ein Patient apathisch, abgestumpft, passiv und desinteressiert verhält, also eine zu hohe Dosierung bei den Neuroleptika vorliegt, wird dies in der Regel sofort angepasst. Die medikamentöse Einstellung ist allerdings eine Gratwanderung. Zu viel ist nicht gut, zu wenig aber auch nicht.

Es gibt Patienten, welche scheinbar hysterisch durch die Gänge gehen und sich auffällig verhalten. Dies kann jedoch meist auf eine Psychose zurückgeführt werden, wobei die Realität verkennt wird. Aber die horrorfilmmässigen Schreie existieren nicht – oder ich habe sie noch nie erlebt. Bei schweren Psychosen, in welchen eine Selbst- oder Fremdgefährdung nicht ausgeschlossen werden kann, kommen jedoch wirklich Zwangsmassnahmen ins Spiel. Zwangsjacken werden bei uns nicht mehr verwendet, nur noch die moderne Variante davon: der Mobifix. Bei Verweigerung von Reservemedikamenten, welche aus Sicht der Pflege, Oberarzt und/oder Psychologen dringend notwendig wären, kommt es zu einer Zwangsmedikation. Diese kann oral, aber auch intramuskulär, also per Injektion, erfolgen. Zu solchen Vorfällen kommt es jedoch sehr selten. Auf meiner Station gab es, seit ich dort arbeite, nie Zwangsmassnahmen. Dies ist so, da man heutzutage vor allem mit verbaler Deeskalation arbeitet und mit zwischenmenschlicher Interaktion versucht schwierige Situationen zu lösen.

Zum Abschluss doch noch kurz zum Personal. Viele meinen, um in der Psychiatrie arbeiten zu können, muss man selbst eine Störung haben. Dies entspricht definitiv nicht der Wahrheit! Im Gegenteil: Menschen, welche in der Psychiatrie arbeiten, müssen eine hohe psychische Widerstandskraft haben und sich gut von der Arbeit distanzieren können. Wir sind vielleicht von der Persönlichkeit her etwas unkonventioneller und kreativer, aber ansonsten gleich wie alle Pflegefachkräfte in anderen Institutionen.

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Josefa Kohler

Josefa Kohler befindet sich im dritten Ausbildungsjahr zur Fachfrau Gesundheit in der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, am Standort Rheinau. Für puls-berufe.ch erzählt sie aus ihrem Arbeitsalltag und berichtet von den Herausforderungen und den schönen Momenten, die dieser Beruf mit sich bringt.