Teufels- und Engelskreise

Oktober 2018, Susanna Langenbach

Die Pflegefachfrau Samira W., Anfang 30, hat von ihrem Arbeitgeber das Angebot bekommen, eine Berufsbildungsfunktion zu übernehmen. Sie zögert, wegen der hohen Belastung, die auf sie zukommen würde.

Samira W. arbeitet seit einigen Jahren als Pflegefachfrau im Akutspital. Sie ist unsicher, ob die vom Arbeitgeber angebotene Berufsbildungsfunktion das Richtige für sie ist. Insbesondere stören sie die Arbeitsbedingungen: Viele zusätzliche Aufgaben und wenig dafür reservierte Stellenprozente, um sie zu erledigen. Schon jetzt stösst sie öfter an die Grenzen ihrer Belastbarkeit mit Schichtarbeit und dauerndem Einspringen wegen Personalmangels.
In der ersten Sitzung der Laufbahnberatung Gesundheitsberufe erkunden wir gemeinsam die Vor- und Nachteile der aktuellen Situation. Welche Punkte sind es genau, die sie stören und verändern will? Welche Aspekte behagen ihr und möchte sie möglichst beibehalten? Der Kontakt mit Menschen, insbesondere der beratende Teil, gefällt ihr ausgesprochen gut. Führung dagegen ist gar keine Option. Sie würde zwar regelmässige Arbeitszeiten gewinnen, gleichzeitig aber den direkten Patientenkontakt verlieren.

Hoher Anspruch an sich selber
Ausserdem fehle ihr das nötige Durchsetzungsvermögen, meint Samira W. Im Laufe des Gesprächs tauchen weitere Themen auf, die für ihre Entscheidungsfindung bedeutsam sind: Der hohe Anspruch an sich selber und an ihre Leistung, der sie häufig stresst und in Selbstzweifel mündet. Ebenso ihr Sicherheitsbedürfnis, das Ideen, die risikobehaftet sind, gleich im Keim erstickt.
Zur zweiten Sitzung kommt Samira W. mit vielen Notizen. Sie hat sich intensiv mit den Aufträgen auseinandergesetzt und dabei ist ihr klar geworden, wie eng Selbstvertrauen und Sicherheitsbedürfnis zusammenhängen, d. h. je mehr Selbstvertrauen sie in einem Bereich aufgebaut hat, desto mutiger ist sie unterwegs. Und je sicherer sie sich in einem Gebiet fühlt, desto mehr Selbstvertrauen entwickelt sie und auch den Wunsch, etwas Neues kennenzulernen. Doch wie weit reicht dieser Wunsch? Neues ausprobieren heisst, Vertrautes loszulassen und ein Stück weit wieder Anfängerin zu sein.

Ausstieg oder nicht
Samira überlegt sich, ganz aus der Pflege auszusteigen und Psychologie oder soziale Arbeit zu studieren. Sie möchte das Beraten ganz ins Zentrum ihrer Arbeit rücken. Das würde bedeuten, dass sie kündigen und nochmals ganz neu anfangen muss; dass sie Sicherheit aufgeben muss. Traut sie sich das zu?
Oder anders gefragt: Ist der Wunsch gross genug, um es trotz Ängsten zu tun? Häufig suchen wir nach Lösungen, die angstfrei sind – als wäre dies ein Hinweis, dass sie dann «richtig» seien. Wir beneiden Menschen, die sich scheinbar angstfrei bewegen und mutig Schritte in Neuland wagen. Dabei haben sie nur einen anderen Umgang mit der Angst. Sie tun es trotzdem – lassen sich nicht lähmen.
Je nachdem, welche Gedanken, Einschätzungen, Erlebnisse und Geschichten jemand mit dem Stichwort «Neuanfang » verbindet, entstehen andere Gefühle und Körperempfindungen, die wiederum auf die Gedanken Einfluss nehmen – es entsteht ein Teufels- oder ein Engelskreis.
Wird «Neuanfang» mit Abenteuer oder Herausforderung verbunden, der man sich gewachsen fühlt, können Vorfreude, Neugierde und eine wache Spannung entstehen, die Handlungsbereitschaft signalisieren und das Vertrauen in einen selber stärken – ein Engelskreis ist wirksam und führt leicht ins Handeln.
Wird hingegen «Neuanfang» mit Szenarien wie Scheitern oder Überforderung assoziiert, weckt dies Ängste und Unsicherheit, und der Körper reagiert mit Stresssymptomen, Anspannung usw., was wiederum Zweifel an sich selber stärkt – ein Teufelskreis ist wirksam und führt häufig zu einer Blockierung von Veränderungsimpulsen, im Sinne von Ja! Aber!

Freiraum durch Auszeit
Samira W. ordnet sich eher der zweiten Variante zu und erkennt mit einem Schmunzeln, dass ihre Einschätzung nicht in Stein gemeisselt sein muss. Ist der Neuanfang wirklich so bedrohlich?Oder ist es denkbar, ein neues Verständnis zum Neuanfang zu finden? Eines, das sowohl ihrem Sicherheits-, als auch ihrem Veränderungsbedürfnis gerecht wird?
Gemeinsam überlegen wir, welches die nächsten Schritte sein könnten, die sie in eine erwünschte Richtung führen und gleichzeitig überschaubar genug sind, um sie zu wagen. Samira W. entschliesst sich, erst einmal Freiraum zu schaffen und zu kündigen. Sie will sich eine Auszeit gönnen und diese unter anderem für einen Praxiseinblick in die Berufsfelder nutzen, die sie interessieren.

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Susanna Langenbach

Susanna Langenbach ist Laufbahnberaterin für Gesundheitsberufe im biz Oerlikon. Regelmässige Informationsveranstaltungen vor Ort und individuelle Beratung unterstützen Interessierte beim Entscheiden und Umsetzen. Die Berufs- und Laufbahnberaterinnen kennen die Berufe im Gesundheitswesen, die Karrieremöglichkeiten und den Arbeitsalltag in Spitälern, Heimen oder der Pflege zu Hause.