Perspektiven auch mit 50 plus

November 2018, Susanna Langenbach

Über 50 und unzufrieden mit der aktuellen Arbeitssituation – zwei Pflegefachfrauen finden unterschiedliche, aber vielversprechende neue Lösungen.

Letzthin kamen im gleichen Zeitraum zwei Pflegefachfrauen – ich nenne sie Kathrin W. und Eveline T. – mit ähnlichen Anliegen in die Beratung, beide über 50 Jahre alt. Sie seien unzufrieden mit der aktuellen Arbeitssituation und sehr unsicher, ob sie in ihrem Alter eine andere, passendere Arbeitsstelle finden könnten. So ähnlich der Start in die Beratung äusserlich war, so unterschiedlich hat sich der weitere Verlauf für die beiden entwickelt.

Zu einseitig gefordert 
Kathrin W. arbeitet Teilzeit im ambulanten Bereich und fühlt sich nur einseitig gefordert. Die Kinder sind nun definitiv ausgeflogen und grundsätzlich könnte oder sollte sie ihr Arbeitspensum erhöhen, da der Arbeitsplatz ihres Mannes gefährdet ist. Doch an der aktuellen Stelle erscheint ihr eine Aufstockung gar nicht attraktiv. Der zunehmende Arbeitsdruck belastet sie und im Team herrscht eine müde Stimmung. Einige Kolleginnen sind wegen Burnout oder anderen Erkrankungen ausgefallen. Gerne würde sie einmal etwas ganz Anderes machen – aber was? Mit über 50 stünden ihr ja nicht gerade die Türen offen.

Mit Leitung unzufrieden
Eveline T. arbeitet ebenfalls Teilzeit in einem Akutspital und hat dort schon verschiedene Funktionen übernommen. Aktuell ist sie in der Berufsbildung aktiv. Nach einem Vorgesetztenwechsel fühlt sie sich gar nicht mehr wohl und bedauert, dass für ihre Zusatzfunktion so wenig Zeit eingeplant wird. Ausserdem stört sie, dass sie von der Leitung laufend kurzfristige Aufträge bekommt, weil diese ihre Aufgaben nicht «im Griff» hat – so jedenfalls kommt es ihr vor. Nun fragt sie sich, ob sie dem Spital nicht den Rücken kehren und anderweitig eine Stelle suchen soll – aber wo? Und überhaupt, sie sei ja schon über 50. Mit beiden verabrede ich Hausaufgaben, die den Fokus zum einen auf sie selber, ihre Stärken und Wünsche lenken und damit den Aspekt Selbstbestimmtheit – ich will – ins Zentrum rücken. Zum anderen mit Blick auf Situationen, die sie als unangenehm und unpassend erleben und damit den Aspekt Fremdbestimmtheit – ich muss / soll – verdeutlichen.

Neue Funktion als Lösung
Kathrin W. erzählt im zweiten Gespräch strahlend, dass unterdessen einige Entscheide gefallen sind. Sie hat mit ihrer Vorgesetzten gesprochen und dabei ihre Wünsche deutlich vertreten. Sie möchte eine Auszeit nehmen, um für einen Monat im Ausland einen Sprachkurs zu absolvieren – ohne Familie. Und dann an die aktuelle Stelle zurückkehren, wenn sie zusätzliche Funktionen übernehmen kann, die mehr ihren Stärken entsprechen. Ideen dazu, die für sie und für den Betrieb sinnvoll sein könnten, hat sie gleich miteingebracht. Die Vorgesetzte hat – anders als befürchtet – sehr positiv auf die klare Stellungnahme von Kathrin W. reagiert und gemeinsam planen sie nun die konkrete Umsetzung.

Wechsel der Stelle
Anders ist es bei Eveline T. weitergegangen. Bei der Beschäftigung mit den Hausaufgaben hat sie realisiert, dass sie auf Distanz gehen will und muss. Das hat wiederum den Druck reduziert, der sie geplagt hat. Es ist nicht so, dass sie nochmals anders und besser ihre Zeit einteilen muss, um allen Aufgaben gerecht zu werden.
Im Gespräch mit ihrer Vorgesetzten hat Eveline T. gemerkt, dass sie beide verschiedene Sprachen sprechen und sich wohl nie finden werden.
Da sie deswegen nicht ins Hadern mit sich kommt und zugleich die Grenzen des Machbaren anerkennt, hat sie die Fühler für neue Stellen ausgestreckt. Neu achtet sie weniger auf das Aufgabenprofil, sondern mehr auf kulturelle Aspekte wie Zusammenarbeit, gelebte Werte und Prioritäten. Über eine Bekannte ist eine freie Stelle an sie herangetragen worden, die sie weiter verfolgen will. Nach einem ersten erfolgreich verlaufenen Gespräch geht sie nun bald schnuppern.

Kommentar
Tatsachen allein führen oft nicht weiter, die Bewertungen der Tatsachen sind entscheidend. So ist es beispielsweise wichtig zu erkennen, was genau ein Druckgefühl oder Unzufriedenheit erzeugt, da erst über die persönliche Verknüpfung deutlich wird, wo ein Veränderungsschritt ansetzen muss und kann. Und das Thema 50 plus? Es war bei beiden keines mehr, weil die Tatsache, dass sie über 50 sind, nur noch indirekt eine Rolle spielte: Als Reichtum an Erfahrungen, der für den nächsten Schritt richtungsweisend wurde.

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Susanna Langenbach

Susanna Langenbach ist Laufbahnberaterin für Gesundheitsberufe im biz Oerlikon. Regelmässige Informationsveranstaltungen vor Ort und individuelle Beratung unterstützen Interessierte beim Entscheiden und Umsetzen. Die Berufs- und Laufbahnberaterinnen kennen die Berufe im Gesundheitswesen, die Karrieremöglichkeiten und den Arbeitsalltag in Spitälern, Heimen oder der Pflege zu Hause.