Menschlichkeit

Februar 2019, Josefa Kohler

Die Zeit rast und die letzten paar Monate meiner Ausbildung stehen bevor. Ich freue mich wahnsinnig auf den Abschluss, denn die Position eines Lehrlings habe ich langsam aber sicher gesehen. Ich möchte Verantwortung übernehmen, Entscheidungen treffen und auch die Konsequenzen für mein Handeln tragen. All dies ist mir im Moment nur begrenz möglich. Auch gibt es einige Dinge, die ich anders machen würde, sobald es mir mein Ausbildungsstand erlaubt.

Ich möchte hier auf einen Punkt eingehen – die Menschlichkeit. In der PUK haben wir viele Standards und Regelungen, wie wir den Patienten gegenüber aufzutreten und uns zu verhalten haben. Macht Sinn, daran kann man sich festhalten und sich auf der sicheren Seite wissen. Doch leider ist es bei der Arbeit mit Menschen nie einfach, eine Regelung zu haben, welche sich an jedes Individuum anpasst. Wenn ich nach der Ausbildung etwas ändern würde an meinem Arbeitsstil, dann die Menschlichkeit. Mir fällt des Öfteren auf, dass einige Mitarbeiter – darunter auch ich – oft sehr therapeutisch an eine Situation rangehen. Und das ist absolut in Ordnung, meist auch sinnvoll und erwünscht. Jedoch werden aber auch einige Situationen meiner Meinung nach übertherapeutisch angegangen, obwohl die simple Menschlichkeit völlig ausgereicht hätte. Manchmal muss ich mir in Erinnerung rufen, dass die Patienten auch nur Menschen sind - sie sind weder ein Projekt, noch ein Objekt.

Letztens habe ich mich dabei erwischt, wie ich mit Patienten in der Küche war, Musik lief, sie tanzten – ich machte ohne nachzudenken mit. Sofort schoss mir der Gedanken in den Kopf: «Was machst du da, das ist absolut unprofessionell! ». Ein anderes Mal kam ich nach längerer Zeit zurück auf die Station, ein Patient wollte mich zur Begrüssung umarmen. Dabei reagierte ich unmittelbar und erklärte ihm, dass eine solche Interaktion in diesem Rahmen hier nicht gehe. Darauf entschuldigte er sich. Er entschuldigte sich für seine Menschlichkeit.

Bei diesem Patienten ist noch hinzuzufügen, dass er sich oft eher angetrieben und überschwänglich zeigt. Wenn man ihn kennt, weiss man jedoch, dass er es weder böse, noch absichtlich, noch intim meint, wenn er einem etwas zu nahekommt.

Neben meiner Ausbildung in der Psychiatrie arbeite ich noch freiwillig in einer Gruppe von Menschen mit einer körperlichen und/oder geistigen Behinderung. Zwischen diesen beiden Welten ist ein Vergleich kaum möglich, da die Schwerpunkte ganz anders gewichtet sind. Aber trotzdem erwähnenswert ist der Unterschied der Menschlichkeit. Bei Menschen mit einer Behinderung ist der Körperkontakt nicht wegzudenken, der Umgang sehr locker und trotzdem auch streng. Von aussen betrachtet könnte man meinen unprofessionell, doch wenn es dem Menschen Gutes tut und ihn in seinem individuellen Sein bestärkt, ganz einfach wunderbar. Dies vermisse ich persönlich zum Teil bei der Arbeit in der Psychiatrie.

Mit diesem Blogtext möchte ich nicht aussagen, dass ich die Handhabung des zwischenmenschlichen Kontakts in der Psychiatrie als schlecht empfinde. Nein, es sagt mir persönlich bloss nicht zu 100% zu, da ich in anderen Welten sehe, was Nähe alles Positives bewirken kann.

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Josefa Kohler

Josefa Kohler befindet sich im dritten Ausbildungsjahr zur Fachfrau Gesundheit in der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, am Standort Rheinau. Für puls-berufe.ch erzählt sie aus ihrem Arbeitsalltag und berichtet von den Herausforderungen und den schönen Momenten, die dieser Beruf mit sich bringt.