Meine vorletzte Destination

Juli 2018, Josefa Kohler

Seit Anfang Juni bin ich in einem weiteren externen Praktikum - im Wohnheim Tilia. Das Wohnheim bietet Platz für Menschen mit einer psychischen Behinderung. Die meist gestellten Diagnosen sind Schizophrenie, Intelligenzverminderungen, geistige Behinderungen und Impulskontrollstörungen.

An meinem ersten Tag wurde ich sehr herzlich aufgenommen. Gleich zu Beginn kamen die Bewohner auf mich zu, stellten sich vor und begannen eine Konversation. Diese Art von erstem Aufeinandertreffen kannte ich bisher weder aus der Psychiatrie, noch dem Altersheim. Natürlich sind nicht alle Bewohner so offen und interessiert, aber verglichen mit anderen Pflegeinstitutionen ist es schon auffallend (schön). Bereits nach den ersten Stunden bekam ich ein Willkommenskärtchen und ein selbstgepflücktes Blümchen. So könnte es doch immer sein!

Da ich nur sieben Woche in dieser Gruppe arbeite, ist es primär das Ziel, die Gruppe und deren Tagesablauf kennen zu lernen und aktiv daran teilzunehmen. Vieles ist ähnlich wie in der Psychiatrie - und doch komplett anders. Im Gegensatz zur Psychiatrie bleiben die Bewohner hier über einen viel längeren Zeitraum, was sich vor allem im Zusammenleben auszeichnet. Jeder Bewohner hat seine festen Aufgaben und Abläufe, die strikt eingehalten werden (müssen), damit das Gruppenklima nicht darunter leidet. Tagsüber gehen die meisten Bewohner arbeiten, in einem Beschäftigungsatelier oder ähnlichem.

Da ich die Neue bin, bekomme ich vor allem die schönen Dinge mit, denn die Bewohner haben bereits ihre bevorzugten Bezugspersonen. Bis ich auf dieses Niveau des Vertrauens komme, geht es länger als ich Zeit habe.

In einem Spätdienst jedoch durfte ich es am eigenen Leib erfahren, was es heisst: die Neue zu sein. Diejenige, die keine Ahnung von nichts hat, so schien es mir. Ein Bewohner kam ins Büro und fragte nach Waschpulver, welches bei uns aufbewahrt wird. Ich bückte mich, um ein Becher davon raus zu schöpfen, als er sich ins Stationszimmer, hinter mir zum Gestell bewegte. Dies ist für die Bewohner untersagt - unter anderem auch aus Datenschutzgründen. Natürlich drehte ich mich sofort um und sah gerade noch, wie er sich ein Zigarettenpäckchen unter die Achsel klemmte.

Als ich ihn zur Rede stellte, stritt er alles ab. Also bat ich ihn, die Arme zu heben, so dass das Päckchen zu Boden fällt. Dies machte er immerhin mit einem Arm, den Anderen aber immer noch "angeklemmt". Als er offensichtlich nicht mehr weiterwusste, verliess er den Raum und ging in sein Zimmer. Ich informierte umgehend den Stationsleiter. Währenddessen kam der besagte Bewohner mit einem leeren Päckchen wieder, um zu beweisen, dass er nichts geklaut habe. Da er allerdings eine Kleptomanie hat und auch immer wieder mit Vorfällen solcher Art in Verbindung gebracht wird, wäre der Fall auch klar gewesen, wenn ich ihn nicht dabei ertappt hätte.

Die Konsequenz für diesen Vorfall nahm er an, ohne dabei einsichtig zu sein. Zuerst meinte ich, dass der Beziehungsaufbau zu diesem Bewohner wieder von vorne beginnen müsse und ich rechnete auch mit einem Aufstand bei der Ausübung der Konsequenz. Aber weder das eine, noch das andere trat ein. Auch dies war mir angenehm neu, denn aus der Psychiatrie kannte ich solche Vorfälle meist nur mit längeren Diskussionen und manchmal Impulsausbrüchen.

Bald ist auch dieses Praktikum zu Ende und ich werde wieder mit vielen neuen Eindrücken und Erfahrungen reicher eine Station weiterziehen.

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Josefa Kohler

Josefa Kohler befindet sich im dritten Ausbildungsjahr zur Fachfrau Gesundheit in der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, am Standort Rheinau. Für puls-berufe.ch erzählt sie aus ihrem Arbeitsalltag und berichtet von den Herausforderungen und den schönen Momenten, die dieser Beruf mit sich bringt.