Mein Arbeitsinhalt – der Mensch

April 2019, Vanessa Natalia Kosiewicz

Ein Maurer geht zur Arbeit, um eine Mauer zu errichten, ein Bäcker um Brötchen zu backen. Was sieht eine Pflegekraft am Ende des Tages? Diese Frage geht mir momentan durch den Kopf und ich finde, es ist ein gutes Thema, um meine Gedanken dazu zu teilen.

Früher dachte ich, dass ein Dienst zu erbringen, ohne ein ersichtliches Resultat zu sehen, keine Arbeit ist. Ich verstand nicht, wie man zur Arbeit gehen kann, ohne am Ende des Tages zu sehen, was man geleistet hat. Dienstleistung: Ein vor kurzem noch fremdes Wort für mich. Was bedeutet es?

Ich helfe anderen Menschen durch den Tag. Er beginnt damit, dass ich Bewohnerinnen und Bewohnern morgens aus dem Bett helfe und ihnen das Frühstück bereitstelle. Den restlichen Tag über versuche ich mit ihnen ins Gespräch zu kommen, zeige Interesse an ihrer Lebensgeschichte, erfülle Wünsche und helfe in schwierigen Situationen. Das tue ich jeden Tag und das wird auch bis zum Ende meiner Ausbildung ein wichtiger Bestandteil sein. Der Mensch steht im Zentrum meines Tagesablaufs. Eine gute zwischenmenschliche Basis zu schaffen, ist mein Tagesziel.

Wir haben nicht mit Gegenständen oder Objekten zu tun, sondern mit Menschen, die schon eine lange Lebensgeschichte hinter sich haben. Die auch wie ich, einmal jung waren und am Anfang ihres Berufslebens standen. Manchmal vergesse ich, dass der Mensch, den ich im Hier und Jetzt betreue, eine genauso «sortierte Sicht» auf sein bevorstehendes Leben hatte. Bei Bewohnerinnen und Bewohnern, die an einer Demenz erkrankt sind, finde ich es besonders schwierig, mir ihr früheres Leben vorzustellen.

Ich betreue einen Bewohner, der an Demenz leidet. Er ist ein sehr ruhiger Mann, hat Mühe mit dem Sprechen und seine Bewegungen sind verlangsamt. Vor kurzem sass er, wie so oft, an einem Tisch und schaute ins Leere. Daraufhin fragte ich ihn, worüber er denn nachdenke. Er antwortete langsam und mit zitternder Stimme, dass er sich selbst vermisse. Ich wusste gar nicht, wie ich auf diese Aussage reagieren sollte. Ich glaube auch nicht, dass es für diese Äusserung eine angebrachte Antwort gibt. In diesem Moment versuchte ich nicht, die Situation schön zu reden, sondern begann ein tieferes Gespräch mit ihm. Dass auch dieser Mann vor 20 Jahren ein normales und geregeltes Leben mit Ehefrau führte, ist für mich schwierig vorstellbar, denn ich kenne ihn nur so, wie er heute ist. Für mich ist er der Herr mit einer Demenz, den ich morgens pflege und abends ins Bett bringe.

Wir Pflegenden haben eine grosse Bedeutung für einige der Bewohnerinnen und Bewohner. Es kommt sehr häufig vor, dass sie uns verlassen und in eine andere Institution oder nachhause gehen und sich von uns verabschieden. Aber mein Team und ich begleiten auch Menschen, die ihren letzten Lebensabschnitt bei uns verbringen und bei uns sterben. Durch das rationale Denken, das meine Arbeit verlangt, unterschätze ich solche Verabschiedungen oft. Denn wir haben es mit Menschen zu tun, die immer auch Familien oder Freunde hinterlassen und zu denen man eine Verbindung aufbaute.

Besonders schwierige Situationen erlebe ich, wenn sich Bewohnerinnen und Bewohner weigern, mitzumachen, sei es bei der Medikamentenabgabe oder bei der Pflege. Denn ich als FaGe muss meine Arbeit erledigen. Dafür bin ich aber auch auf ein kooperatives Gegenüber angewiesen. Das ist nicht immer leicht. Schliesslich sind Bewohnerinnen und Bewohner keine Roboter, die auf Knopfdruck das tun, was man von ihnen verlangt.

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Vanessa Natalia Kosiewicz

Vanessa Natalia Kosiewicz startete letzten Sommer ihre dreijährige Ausbildung zur Fachfrau Gesundheit Im Pflegezentrum Gehrenholz. Warum sie sich für eine Ausbildung im Gesundheitswesen entschieden hat und wie sie die Arbeit in der Langzeitpflege erlebt, erzählt sie im PulsBlog.