«Ich will» statt «Ich muss doch»

Oktober 2019, Susanna Langenbach

Leonie M. ist Ende 40 und hat nach dem Pflegeabschluss einige Jahre im Spital gearbeitet. Während der Familienzeit hat sie in den administrativen Bereich gewechselt, um damit regelmässigere Arbeitszeiten zu gewinnen. Nachdem die Kinder selbständig geworden sind, überlegt sie sich eine Rückkehr in die Pflege.

Leonie M. ist unsicher, ob sie wirklich in die Pflege zurückkehren will. Vieles hat sich über die Jahre verändert und sie weiss nicht, ob sie sich den Wiedereinstieg zutrauen kann. Und überhaupt, sie sei ja schon Ende 40. In einem ersten Gespräch wenden wir uns den Ideen von Leonie M. zu. Schnell wird deutlich, dass sie vielfältige Interessen hat und sich vielerlei Tätigkeiten vorstellen könnte. So hat sie bereits einmal überlegt, ein B&B in der ländlichen Region, in der sie wohnt, zu eröffnen.
Je länger wir uns mit den verschiedenen beruflichen Varianten befassen, desto klarer kristallisiert sich heraus, dass Leonie M. nicht nur ein paar Informationen zum Wiedereinstieg braucht, sondern eine Standortbestimmung, d.h. einen Moment, um sich in Ruhe sich selber zuzuwenden, ihren Interessen nachzuspüren, statt – wie die letzten Jahren  gewohnt – in erster Linie dafür besorgt zu sein, dass es allen Familienmitgliedern gut geht. Das heisst, die «Familientauglichkeit» als wichtigstes Entscheidungskriterium darf und soll in den Hintergrund treten zugunsten einer «Entwicklungstauglichkeit» für sich selber.

«Erst» Ende 40
Es geht darum zu erkunden, welches mögliche und attraktive Ziele sein könnten und welche nächsten, beruflichen Schritte daraus resultieren. Das lohnt sich alleweil, denn der Zeithorizont könnte auch anders betrachtet werden: Leonie M. ist nicht schon, sondern erst Ende 40 – das heisst, es liegen noch viele Berufsjahre vor ihr bis zum Pensionsalter.
Sie nimmt verschiedene Aufgaben nach Hause, um ihren bereits vorhandenen Ideen weiter nachzugehen und vermehrt ihren Bedürfnissen auf die Spur zu kommen. Für Leonie M. ist es gar nicht so einfach, ihre Wünsche frei zu formulieren. Ganz schnell taucht ein «Aber» auf, so dass die Ideen nicht in konkrete Schritte münden. Das «ich will», wird überschattet von «ich muss doch...» respektive «ich sollte doch...», was die Bewegung aus innen heraus blockiert.

Pflege und Phytotherapie
Eine Aufgabe beschäftigt sich deshalb genau mit diesem Thema: Wann kommt Leonie M. leicht ins Umsetzen, begleitet von Freude, Leichtigkeit und wann wird es schwierig, anstrengend, begleitet von Befürchtungen? In einem Folgegespräch sagt sie, sie hätte eine spannende Reise hinter sich. Speziell die Frage, was sie denn für sich wolle, unabhängig von den Wünschen ihrer Familie, sei erst enorm schwierig und dann sehr ertragreich gewesen. Sie habe gemerkt, dass sie zweierlei reizen würde: Zum Ersten tatsächlich ein Einstieg in die Pflege. Sie sei schon über einen Kontakt von einer Bekannten schnuppern gewesen und hätte gemerkt, dass vergessen geglaubte Fähigkeiten und Fertigkeiten wieder ganz präsent gewesen seien. Natürlich merke sie auch den Lernbedarf. Vieles habe sich verändert – aber das sei eine willkommene Herausforderung, sich da hineinzuknien.
Des Weiteren wolle sie sich mit einer Weiterbildung in ein Thema vertiefen, das sie schon lange interessiert: Phytotherapie. Sie gärtnert mit Leidenschaft und kennt sich mit Pflanzen aus. Nun möchte sie einen Kurs besuchen und später vielleicht eine richtige Ausbildung absolvieren, um damit ein selbständiges Standbein aufzubauen.
In der Pflege interessieren sie die Bereiche Rehabilitation und Spitex am meisten, Spitex insbesondere wegen der Mischung von Teamzugehörigkeit und selbständiger Tätigkeit. Und so überarbeiten wir den Lebenslauf dahingehend, eine Brücke zu schlagen von der Zeit ausserhalb der Pflege (welche Kompetenzen hat sie da erworben oder vertieft?) zur aktuellen Stellensuche (was in die Arbeit in der Spitex eingebracht werden könnte).

Der Einstieg ist geschafft
Einige Wochen nach Abschluss der Beratung schreibt Leonie M. eine Mail: Der Einstieg in die Spitex sei geschafft, jedoch sehr anspruchsvoll gewesen. Ihr Beruf habe sich tatsächlich sehr verändert, insbesondere das Selbstverständnis der Pflege und der administrative Aufwand. Im Moment sei sie sehr zufrieden mit ihrem Entscheid, sie lerne viel. Zugleich sei für sie offen, ob sie langfristig da bleiben oder später doch nochmals einen beruflichen Wechsel anpacken werde – sie habe ja noch viel Zeit, meint sie mit einem Smiley.

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Susanna Langenbach

Susanna Langenbach ist Laufbahnberaterin für Gesundheitsberufe im biz Oerlikon. Regelmässige Informationsveranstaltungen vor Ort und individuelle Beratung unterstützen Interessierte beim Entscheiden und Umsetzen. Die Berufs- und Laufbahnberaterinnen kennen die Berufe im Gesundheitswesen, die Karrieremöglichkeiten und den Arbeitsalltag in Spitälern, Heimen oder der Pflege zu Hause.