Ich hatte Sorge mich zu langweilen

August 2020, Michaela Königshausen

Mir fiel es als Teenager wahnsinnig schwer, mich für einen Beruf zu entscheiden, da ich Sorge hatte, Dinge zu tun, die ich nicht mag oder mich durch tägliche Routine irgendwann zu langweilen. So ging es mir auch, als ich daran dachte etwas im Bereich Soziales und Gesundheit zu lernen. Heute kann ich mir keinen schöneren Beruf mehr vorstellen und Langeweile ist beinahe ein Fremdwort.

In meinem zweiten Bildungsjahr als Pflegefachfrau HF war ich auf einer Akutstation. Dieser Praxiseinsatz hatte es mir sehr angetan. Kein Tag war wie der andere und ich betreute Menschen mit den verschiedensten psychischen Krankheitsbildern, unterschiedlichem Alter und diversen Vorgeschichten. Damals war ich mir sicher, dass dort mein Platz sein wird nach dem Abschluss.

Vor meinem letzten Praktikum auf der Psychotherapiestation kamen meine „alten Sorgen“ wieder auf. Ich befürchtete Langeweile, zu viel Routine und Monotonie durch immer nur dieses eine Krankheitsbild. Ich ging davon aus, dass es für mich zu „ruhig“ sein könnte, zu wenig Herausforderung; da in dieser Abteilung der Grossteil der zu pflegenden schon eine gewisse Stabilität aufweisen.

Nun bin ich seit fast eineinhalb Jahren diplomiert und will gar nicht mehr weg von dieser Spezialstation für Frauen. Jeder Tag ist anders und die Arbeit mit den jungen Patientinnen, welche unter ihrer Traumafolgestörung leiden, ist äusserst anspruchsvoll und ich lerne immer wieder Neues dazu.

Da ich glaube, dass es Einigen wie mir damals gehen könnte, möchte ich beschreiben, wie eine „normale Woche“ bei uns aussieht und wie fremd mir trotz der klaren Strukturen die Routine ist.

Montags findet bei uns die Visite der Oberärztin statt. Diese leite ich als diplomierte Pflegefachfrau in dem ich dem übrigen Behandlungsteam (Psychologinnen & Ärztinnen) relevante Informationen zu den einzelnen Patientinnen vermittle. Dies beinhaltet vor allem, wie die Frauen ihr Wochenende verbracht haben, ob sie ihre individuellen Ziele erreichen konnten, ob es besondere Vorkommnisse gab und was sie sich für die kommende Woche vorgenommen haben, um ihren Behandlungszielen näher zu kommen. Das bedeutet, dass ich mich zu der Wahrnehmung und Meinung des Pflegeteams äussere und somit einen großen Einfluss auf die Weiterbehandlung habe. Manchmal muss ich mich für Patientinnen einsetzten, weil sie sich selbst nicht trauen, etwas in der grossen Runde anzusprechen oder ich motiviere sie dazu, es zu tun. Was wir montags als Pflegefachpersonen ebenso leiten, ist die Beschäftigungstherapie, welche auch dienstags und mittwochs stattfindet. Nachmittags plane ich in den therapiefreien Zeiten meiner Bezugspatientinnen jeweils die regelmäßigen Verlaufsgespräche ein, die ich mit ihnen zweimal pro Woche führe.

Dienstags nimmt jeweils eine Person aus der Pflege an der therapiespezifischen Gesprächsgruppe teil. Dort wählen die zu Behandelnden selbst, welche Themen sie diskutieren möchten. Dies beinhaltet teilweise Aufklärung über das Krankheitsbild oder Austausch über individuelle Erfahrungen in stressreichen Situationen.

Der Donnerstag ist einer der intensivsten Tage. Vormittags wird durch zwei Pflegefachpersonen die Achtsamkeitsgruppe angeboten und nachmittags findet die Skillsgruppe statt, welche ich gemeinsam mit einer Kollegin leite. Darin werden die Inhalte der einzelnen Module der Dialektisch Behavioralen Therapie vermittelt. Die Patientinnen sollen dadurch neue Bewältigungsstrategien in den Bereichen Stresstoleranz, Umgang mit Gefühlen, Zwischenmenschliche Fertigkeiten und Selbstwert erlernen.

Am fünften Tag in der Woche gehe ich als Pflegefachfrau mit zur Aktivgruppe, dies ist ein Angebot, welches die Patientinnen selbst planen und außerhalb des Klinikareals stattfindet. Simpel gesagt, soll der Kontakt zur „Welt draussen“ so aufrechterhalten oder wiedergefunden werden. Dabei waren wir schon in verschiedenen Museen, gingen picknicken, eislaufen, wandern und vieles mehr. Gerade für Personen, die Angst in Menschenmassen haben, ist es wichtig, dies zu „trainieren“ und dass sie von mir begleitet werden, beispielsweise bei einer Panikattacke. Freitagnachmittags ist schließlich noch die Stationsversammlung. Dort evaluieren die Frauen ihre Erfolge und Stolpersteine der Woche. Zum Abschluss wird ein Spiel gespielt oder manchmal etwas vorgelesen.

Am Wochenende gehen dann die meisten Patientinnen eine Nacht oder tagsüber nach Hause oder in die Stadt, um ihre „Belastbarkeit“ zu erproben. Dies wiederum braucht Raum zum vor- und nachbesprechen…

Wohlgemerkt, das Beschriebene ist sehr kurzgefasst und nur ein Bruchteil dessen, was mein Job beinhaltet. Zusätzlich kommen noch tägliche Morgenrunden, ungeplante Krisengespräche, Beziehungsarbeit, begleitete Mahlzeiten, Spaziergänge, Spielabende, Notfälle, Unterstützung von Nachbarstationen, medizinaltechnische Aufgaben, Bildungsauftrag und vieles mehr.

Comments

Michaela Königshausen

Im Frühjahr 2019 schloss Michaela Königshausen ihr Studium zur diplomierten Pflegefachfrau HF ab. Ihre Praktika absolvierte sie alle in der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, wo sie anschliessend ihren Platz auf einer Therapiestation für Frauen gefunden hat. Diese Station ist auf die Dialektisch-Behaviorale-Therapie, sowie die Begleitung von Müttern mit Baby spezialisiert.