Hilflosigkeit

November 2019, Parisa Abdulghani

Während meiner Ausbildung als Fachfrau Gesundheit ist nie eine Klientin oder ein Klient gestürzt, wenn ich im Einsatz war. Doch kaum habe ich die Lehre abgeschossen, änderte sich das.

Im August dieses Jahres schloss ich meine Ausbildung erfolgreich ab. Nun besuche ich die Kantonale Maturitätsschule für Erwachsene und arbeite nebenbei 40% im Abenddienst bei der Spitex. In dieser kurzen Zeit erlebte ich bereits drei Fälle mit Stürzen. Ich muss noch dazufügen, alle Personen sind nicht in meiner Anwesenheit gestürzt, ich habe sie bereits auf dem Boden liegend vorgefunden. Und zum Glück hatte sich keiner der gestürzten Klientinnen und Klienten grössere Verletzungen zugezogen.

Einer von ihnen hat mich aber in dieser Situation ziemlich überrascht. Herr F. - bei welchem ich seit zweieinhalb Jahren im Einsatz bin - hat bisher nie gesprochen. Er kommunizierte immer nur nonverbal mit mir und dies funktionierte auch immer bestens. Doch an diesem Tag als ich geläutet habe, öffnete niemand die Tür. Durch die Tür hindurch hörte ich jedoch die Stimme von Herr F. und trat deshalb ein. Er war allein Zuhause, was ziemlich selten vorkommt. Seine Ehefrau versucht dies möglichst zu vermeiden, da er eine ziemlich starke Gangunsicherheit aufweist.

Aber zurück zu diesem Tag: Beim Versuch mir die Türe zu öffnen ist Herr F. gestürzt. Er gab erstmal nur Knieschmerzen an. Als ich aber fragte, ob er sich beim Sturz irgendwo gestossen habe, begann Herr F. zum ersten Mal mit mir zu sprechen. Er erzählte mir, in welchem Zimmer er war, wieso er gestürzt ist und wo er Schmerzen hat. Ich war sprachlos und konnte es kaum glauben. Erst habe ich ihn auf einem Stuhl mobilisiert und ihm etwas zu trinken gegeben. Danach sind wir ins Badezimmer, um die Körperpflege durchzuführen. Als seine Ehefrau dann nach Hause kam, kommunizierte Herr F. wieder nur noch nonverbal mit mir.

Ich habe das Gefühl, dass das mit seiner Frau zusammenhängt. Sie ist sehr aufbrausend und hat einen ziemlich taffen Ton gegenüber ihrem Mann. Wahrscheinlich ist die Dame etwas überfordert. Sie sorgt sich den ganzen Tag um ihren Ehemann und ist selbst auch nicht gesund. Wir haben ihr öfters angeboten mehr Einsätze zu übernehmen, die zusätzliche Unterstützung möchte sie jedoch nicht annehmen. Es ist für beide eine schwierige Situation und ich verstehe auch, dass es nicht so einfach ist, Hilfe anzunehmen. Stellt euch vor, wie es sein muss, wenn man all die Jahre selbstständig durch das Leben gegangen ist und plötzlich den Alltag nicht mehr allein bewältige kann.

Manchmal braucht man einfach Zeit, um die eigene Hilflosigkeit zu akzeptieren und Hilfe anzunehmen.

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Parisa Abdulghani

Parisa Abdulghani schloss diesen Sommer ihre Ausbildung zur Fachfrau Gesundheit EFZ ab. Was sie bei ihrer spannenden Arbeit bei Spitex Zürich Sihl alles erlebt, welche persönlichen Erfahrungen sie macht und was sie beschäftigt, erzählt sie im PulsBlog.