Frustrierende Selbstzweifel

August 2019, Susanna Langenbach

Seraina W. ist Anfang 30 und arbeitet in einem Akutspital als Pflegefachfrau. Seit einiger Zeit hat sie die Zusatzfunktion als Berufsbildnerin übernommen. Sie möchte nun mit einer Fachperson klären, wie es beruflich für sie weitergehen soll. Sie merkt, dass ein nächster Schritt ansteht und ist unsicher, in welche Richtung er gehen soll.

Als Seraina W. ihre Situation schildert, wird schnell deutlich, dass sie an ihrem Arbeitsplatz sehr geschätzt wird und dennoch unzufrieden ist. Die Aufgaben als Berufsbildnerin überzeugen sie nicht, da ihrer Meinung nach für eine sorgfältige Ausübung ihrer Funktion zu wenig Zeit für die administrativen Belange eingeplant ist.
Vor kurzem hat sie nun ein Angebot von einer ehemaligen Vorgesetzten bekommen, in einem anderen Spital als stellvertretende Stationsleiterin zu arbeiten. Sie ist unsicher, ob sie diese Funktion übernehmen möchte – sie befürchtet, dass sie der Aufgabe nicht gewachsen sein könnte, respektive auch hier nicht (mit sich) zufrieden wäre.

Die lähmenden Ängste
Bei näherem Nachfragen erzählt Seraina W. dass immer Selbstzweifel auftauchen, sobald sie sich (beruflich) verändern will. Das sei frustrierend, weil sie im Grunde gerne Neues kennenlerne, Verantwortung übernehme und sich weiter entwickeln würde – dann aber an ihren Ängsten scheitere, die sie lähmen. Nicht zufällig sei sie seit der Ausbildung immer noch in demselben Betrieb tätig. 
Je länger wir die Ausgangslage von Seraina W. erkunden, umso klarer verschiebt sich die ursprüngliche Fragestellung. Es geht nicht darum, dass Seraina W. nicht weiss, was sie möchte. Als sie vom Stellenangebot erzählt, zeigt ein Strahlen in ihren Augen, dass sie dies gerne annehmen würde. Sie hat sich auch bereits erkundigt, welche Weiterbildung im Bereich Führung passend sein könnte. Der Punkt, der sie hindert, einen Schritt vorwärts zu gehen, sind Selbstzweifel und fehlendes Zutrauen. Übrigens ist dies sehr häufig der Fall, dass hinter dem Satz «ich weiss nicht, was ich will» im Grunde das Dilemma steckt: «Ich weiss schon, was ich will, aber etwas steht im Weg, das ich nicht zu überwinden weiss.» Häufig sind es Gedanken zu den eigenen Wünschen wie«das traue ich mir nicht zu, das kann ich mir finanziell nicht leisten usw.» die als Filter wirksam werden: Sie grenzen das aus, was attraktiv erscheint und zurück bleibt eine enttäuschende Leere und Ratlosigkeit. Obwohl das bisherige Berufsleben von Seraina W. erfolgreich gelaufen ist und sie nur Anerkennung geerntet hat, ist sie dennoch sehr unsicher, was sie sich zutrauen kann. Sie kann sich an kein Scheitern erinnern, das ihre Selbstzweifel verständlich erscheinen liessen. Sie nickt zustimmend, als ich ihr sage, das sei doch seltsam, dass sie überhaupt auf die Idee komme, an sich zu zweifeln ... und fügt an, dass es gerade auch darum so frustrierend sei. 

Nahrung für Selbstvertrauen
Selbstzweifel sind etwas Lebendiges und brauchen Nahrung, um zu überleben – wie natürlich auch der Gegenpol Selbstvertrauen. Seraina W. geht mit der Frage nach Hause: Was nährt bei mir Selbstzweifel respektive Selbstvertrauen? Und umgekehrt: Was schwächt Selbstzweifel und Selbstvertrauen? 
In der zweiten Sitzung erzählt Seraina W., bis anhin sei sie davon ausgegangen, dass Selbstzweifel und Selbstvertrauen fixe Persönlichkeitsmerkmale seien, die einfach unter den Menschen unterschiedlich ausgeprägt sind. Beim aufmerksamen Beobachten sei ihr zweierlei aufgefallen: Erstens, dass sie gelernt habe, Anerkennung für das eigene Tun als ein Geschenk zu verstehen, das von jemand anders kommen muss und sich nicht selber geschenkt werden darf. Sie habe die Anerkennung damit ans Gegenüber delegiert und sich in Abhängigkeit begeben und ihre Freiheit eingeschränkt.

Mehr wagen in Zukunft
Daraus realisierte sie zum Zweiten, dass sie im Laufe ihres (beruflichen) Lebens viele kleinere und grössere Wagnisse nicht angepackt habe, was sie traurig stimmt. Sie wolle nun eigene Kriterien erarbeiten, wann sie mit sich zufrieden sei, um so von der Beurteilung anderer unabhängiger zu werden. Ausserdem habe sie begonnen, eine Liste all der Dinge aufzustellen, die sie gerne in nächster Zukunft wagen wolle. Dazu gehöre, dass sie nach einem Schnuppern in dem Betrieb für die angebotene Stelle zugesagt habe. Das Entscheiden ging leicht nach den vorangegangenen Erkenntnissen. Stolz ist sie, dass sie sich ausserdem im Einstellungsgespräch getraute, für eine gute Einarbeitung einzustehen und so ihrem Bedürfnis nach Sorgfalt in Bezug auf die neue Rollenübernahme gerecht zu werden.

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Susanna Langenbach

Susanna Langenbach ist Laufbahnberaterin für Gesundheitsberufe im biz Oerlikon. Regelmässige Informationsveranstaltungen vor Ort und individuelle Beratung unterstützen Interessierte beim Entscheiden und Umsetzen. Die Berufs- und Laufbahnberaterinnen kennen die Berufe im Gesundheitswesen, die Karrieremöglichkeiten und den Arbeitsalltag in Spitälern, Heimen oder der Pflege zu Hause.