Es heisst Abschied nehmen

Juni 2018, Josefa Kohler

Schon sehr bald ist mein Praktikum im Altersheim zu Ende und ich muss zugeben; der Abschied wird mir schwerer fallen als gedacht. Die vergangenen drei Monate habe ich mich stets gefreut, wieder in mein gewohntes Arbeitsumfeld, die Psychiatrie, zurückzukehren. Doch nun bin ich zwiegespalten. Bevor ich jedoch ganz zurück in die Psychiatrie gehe, mache ich noch einen kurzen Abstecher auf eine Wohngruppe für Männer mit einer psychischen Behinderung. Nochmals eine völlig andere, spannende Erfahrung.

Zuerst aber nochmal zurück ins Jetzt. Der Abschied vom Altersheim ist nicht der erste Abschied den ich in diesem Praktikum erlebt habe. Es verstarb eine Bewohnerin, welche mir sehr ans Herz gewachsen war. Sie war eine der ersten, bei der ich die Pflege und Betreuung lernen und anwenden konnte. Auch wenn sie nicht wirklich mobil war, hat sie immer ihr Bestes gegeben, mir möglichst viel Arbeit abzunehmen. Zum Bespiel beim Socken Anziehen im Bett hob sie ihre Beine mit ungeahnten Kräften so weit hoch, dass man hätte meinen können, sie sei nochmals Mitte 20. Auch gab es einige lustige Momente: Einmal zum Bespiel trocknete ich nach dem Duschen ihre Füsse ab und dabei natürlich auch gut zwischen den Zehen. Da sie kitzlig war, musste sie lachen und wollte sich revanchieren in dem sie mich am Bauch kitzeln wollte. Allerdings erwischte sie mich an der Brust, merkte dies selbst, schaute mich an und meinte: „Mer muss ja luege, was da ume isch“.  Wir konnten es beide mit Humor nehmen und darüber lachen.

In ihrer terminalen Phase, welche eine Woche dauerte, blieb sie nur noch im Bett. Es gab Momente, da konnte man richtige Gespräche mit ihr führen, manchmal kam aber auch fast nichts mehr zurück, weder verbal, noch körperlich. Dies empfand ich als schwierig, denn sie war sonst eine eher kommunikative Person.

In einer Nacht ist sie dann verstorben. Mit meiner Berufsbildnerin und einer Arbeitskollegin konnte ich mich noch verabschieden gehen. Da habe ich definitiv realisiert; ich werde wohl nie mehr in einem Altersheim arbeiten, der Tod liegt mir ganz und gar nicht. Neben den zwei, drei Tränen die ich verdrückt habe, musste ich mich zusammenreissen, um mich nicht gleich zu übergeben. Der Anblick einer Leiche ist traurig, dramatisch und faszinierend in einem. So verlief der Abschied leider eher kurz, aber länger hätte ich es nicht ausgehalten.

Nun hoffe ich einfach nur noch, dass ich ohne weiteren ungeplanten Überraschungen mein Praktikum abschliessen kann. Ich konnte viel lernen und werde auch einiges mitnehmen aus dieser Zeit. Aber wie schon gesagt, in den Bereich der Alterspflege werde ich wohl nicht mehr so schnell zurückkehren. Aber man sollte ja bekanntlich niemals nie sagen, wer weiss was die Zukunft bringt. Zuerst werde ich dieses Jahr meine ersten Maturprüfungen ablegen (hab jetzt schon leichte Schweissausbrüche vor Angst). Aber eben, Eines nach dem Andern…

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Josefa Kohler

Josefa Kohler befindet sich im zweiten Ausbildungsjahr zur Fachfrau Gesundheit in der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, am Standort Rheinau. Für puls-berufe.ch erzählt sie aus ihrem Arbeitsalltag und berichtet von den Herausforderungen und den schönen Momenten, die dieser Beruf mit sich bringt.