Eine Psychose begleitet durch den Tag

Oktober 2017, Josefa Kohler

Es war ein ganz gewöhnlicher Tag mit seinen normalen Tücken und Macken. Erst bei der Morgenrunde, in welcher es um das Tagesprogramm und die Befindlichkeit geht, fing er an, sich zu verändern. Inmitten der Runde stand ein Patient von seinem Sessel auf, schaute mich an - und ich schaute ihn an - und fragte mich, wie ich heisse.

Ich beantwortete ihm seine Frage. Daraufhin erzählte er etwas von Zwillingen und noch im selben Atemzug wechselte er das Thema auf Familie und Besuch. So verabredeten wir uns nach der Morgenrunde, da dies der falsche Ort war, um ausführlich über Persönliches zu reden. Schon zu diesem Zeitpunkt war uns Pflegern klar, dass es sich höchst wahrscheinlich um eine Psychose (psychische Störung mit veränderter Wahrnehmung des eigenen Ich’s und der Umwelt) handelt. Spätestens als der Patient, sich immer noch in der Morgenrunde befindend, plötzlich in die Mitte des Raumes setzte und eine Art Zentrierungsübung machte, wurde dies offensichtlich. 

Im folgenden Rapport wurde der Zustand des Patienten besprochen und es wurde vorgeschlagen, ein Medikament zu verordnen. Allerdings kam es nicht dazu und die Psychose wurde im Laufe des Tages immer schlimmer.

Am Nachmittag hatte ich ein Gespräch und gerade als ich zurückkam, ging ein Alarm los. Es war aber weder der Personenalarm, noch der Feueralarm. So standen wir etwa zu fünft im Gang und hatten keine Ahnung, was dies für ein Alarm sein könnte. Bis wir bemerkten, dass es der Fahrstuhl war. So drückten wir den Knopf und der Fahrstuhl kam auf unsere Etage. Ich rechnete mit Vielem, nur nicht mit dem Bild, welches sich uns bot: der Patient im Schneidersitz auf dem Boden des Fahrstuhls sitzend an seinen Zentrierungsübungen. Wie aus einem tiefen Schlaf entrissen sprang er plötzlich auf, rannte an uns vorbei und gab laute Geräusche von sich. Leicht verdutzt standen wir nun dort und ehe wir uns vom Fleck bewegen konnten, rannte er schon wieder auf uns zu. In so einem Moment kommt man völlig aus dem Konzept. Cool bleiben hilft nichts mehr. Wir brachten uns in Sicherheit und so rannte er direkt auf seinen Besuch zu, welcher gerade gekommen war. Er schien sich wahnsinnig zu freuen, denn er lachte laut, während er den Besuch vielleicht etwas zu stürmisch begrüsste. Es musste jemand dazwischen gehen, um ihn etwas zurück auf den Boden zu holen, woraufhin er jedoch noch lauter wurde und schlussendlich aus dem Gebäude stürmte.

Nun wurde endlich entschieden zu handeln und man verabreichte ihm das nötige Medikament, welches schon viel eher zum Einsatz hätte kommen müssen. Hier stellt sich mir die Frage, war es ein Versagen unsererseits oder ist es die Menschlichkeit, welche Fehler zulässt. Man muss sich eingestehen, es ist etwas, was man hätte verhindern können. Somit ist es unser Versagen gewesen. Dies finde ich die schwierigsten Momente in meiner Ausbildung; zu wissen, ich hätte mehr tun können, sogar müssen, hab es aber nicht. Im Nachhinein ist man immer klüger, doch dies bringt den Patienten oftmals nichts mehr.

Wenn aber zum Beispiel ein Informatiker einen etwa gleich schweren Fehler macht, interessiert es niemanden. Bei uns schon! Man ist in der Pflege einfach immer einem anderen Druck ausgesetzt, als ihn andere Berufe kennen. Deshalb ist es besonders wichtig, Beruf und Privatleben klar trennen zu können, ansonsten kann es schnell ziemlich schwierig werden.

So habe ich nun ein Bild im Kopf, welches ich nicht mehr so schnell vergessen werde; einerseits absolut faszinierend, eine akute Psychose mitzuerleben, andererseits total erschreckend und beängstigen, wie schnell und dramatisch sich das Verhalten eines Menschen ändern kann.

Mein Dienst war irgendwann vorbei und ich muss sagen; ich war wahnsinnig froh, denn nach solch einem intensiven Erlebnis kommt ein bisschen Distanz zur Arbeit gerade recht. Der Patient wurde übrigens noch am selben Abend in eine andere Klinik, auf eine andere Station verlegt.

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Josefa Kohler

Josefa Kohler befindet sich im zweiten Ausbildungsjahr zur Fachfrau Gesundheit in der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, am Standort Rheinau. Für puls-berufe.ch erzählt sie aus ihrem Arbeitsalltag und berichtet von den Herausforderungen und den schönen Momenten, die dieser Beruf mit sich bringt.