Eine Gebrauchsanleitung für Draussen

März 2020, Michaela Königshausen

Im Gegensatz zu früher bleiben Patientinnen und Patienten nicht mehr über Monate oder gar Jahre in der Psychiatrie. Heute gilt, bereits beim Eintritt schon wieder den Austritt zu planen. So will man beispielsweise dem Hospitalismus einzelner psychisch erkrankter Personen vorbeugen.

In meiner Arbeit als Dipl. Pflegefachfrau bedeutet das, dass ich bei einer neueintretenden Patientin mir ein Bild von ihrem Umfeld machen muss. Wo und wie wohnt die Patientin? Hat sie eine Arbeit oder geht sie in die Schule, wie gestaltet sie ihre Tagesstruktur? Wie ist ihr soziales Netzwerk, gibt es Hobbies? Hat sie eine ambulante Betreuung, bzw. Therapeutin oder Therapeut? Dabei gilt gemeinsam mit der Patientin zu prüfen, ob die gegenwärtigen Umstände stabil sind und zur Genesung beisteuern können. Es kann sein, dass eine Patientin noch bei ihren Eltern lebt und dies auch weiterhin kann. Doch stellt sich heraus, dass es zuhause immer wieder zu Konflikten kommt, ist es möglicherweise sinnvoller, wenn die Wohnform angepasst wird. Dabei bekommen die Patientinnen und wir interdisziplinär Unterstützung, vor allem durch den Sozialdienst.

Viele unserer Patientinnen haben Schwierigkeiten in zwischenmenschlichen Bereichen, sowie dem Anerkennen und Ausleben von eigenen Interessen und Hobbies. Dabei helfe ich meinem Gegenüber, in Bezugspersonengesprächen die Situation zu analysieren. Das bedeutet, gemeinsam herauszufinden, wo genau die Schwierigkeiten liegen, was sich die Patientin wünscht und wie sie ihre Ziele erreichen kann. Dazu kann beispielsweise ein Rollenspiel nützlich sein, um die zwischenmenschlichen Fertigkeiten einer Patientin zu erweitern. Ebenso ermutige ich Patientinnen dabei, mal in sich hinein zu horchen, um herauszufinden, welche Bedürfnisse sie haben und wo ihre Grenzen liegen. So erkennen einige, dass sie sich oft ihrer Umgebung anpassen oder fast ausschliesslich reaktiv durch den Tag leben. Das heisst sie sind ständig damit beschäftigt, „den Ball flach zu halten“ und übergehen dabei sich selbst. Würden wir dies nicht mit den Betroffenen bearbeiten, ist die Chance sehr hoch, dass sie bald wieder an ihre Grenzen geraten und es zum erneuten Klinikaufenthalt kommt. Schliesslich bestätigt dies dann die ohnehin schon selbstabwertende „Grundannahme“, die eine Patientin sich selbst gegenüber hat, immerhin hat sie ja aus ihrer Sicht wieder versagt. Daher macht es Sinn, schon von Anfang des Aufenthalts an genau an diesen elementaren Themen im Leben eines Menschen zu arbeiten.

Doch damit ist es noch nicht getan. Wenn man bedenkt, dass die Frauen auf unserer Station bei Eintritt unter sehr instabilen Verhältnissen leben, ist es viel verlangt, von ihnen zu erwarten, dass sie nach einigen Wochen draussen wieder ausnahmslos gut funktionieren. Wenn das Enddatum einer Behandlung bereits klar ist, plane ich mir jeweils genügend Zeit ein, um zusammen mit der Patientin einen sogenannten „Krisen- & Notfallplan“ zu erstellen. Darin soll die Patientin ihre ganz persönlichen Merkmale aufführen, welche sie hat, wenn sie sich wieder einer psychischen Krise nähert und was sie dann tun kann. Da kann beispielsweise drinstehen, dass eine Patientin vermehrt Kopfschmerzen hat, Schlafstörungen entwickelt und näher am Wasser gebaut ist. Das sind „Warnhinweise“, woraufhin eine Patientin dann auf ihre (in der Klinik erlernten) Bewältigungsstrategien zurückgreifen kann, um ein Zuspitzen der Krise zu vermeiden. Das kann bedeuten, dass die Betroffene bewusst Termine in ihrem Alltag streicht und mehr in die Natur geht, um sich vom Stress erholen zu können. Sollten aber alle Stricke reissen und die Patientin weiss sich nicht mehr zu helfen, greift sie auf den Notfallplan zurück. Was bedeutet, sie fordert Hilfe an, weil ihr Leben bedroht ist. Die Patientinnen rufen zum Beispiel ihrer ambulanten Therapeutin an, der Sanität oder unserer Therapiestation.

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Michaela Königshausen

Im Frühjahr 2019 schloss Michaela Königshausen ihr Studium zur diplomierten Pflegefachfrau HF ab. Ihre Praktika absolvierte sie alle in der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, wo sie anschliessend ihren Platz auf einer Therapiestation für Frauen gefunden hat. Diese Station ist auf die Dialektisch-Behaviorale-Therapie, sowie die Begleitung von Müttern mit Baby spezialisiert.