Diffuse Unzufriedenheit

September 2017, Susanna Langenbach

Yvonne C. ist Ende 40 und arbeitet seit vielen Jahren in der Pflege. Erst zu einem vollen Pensum und seit die Kinder da sind zu 40%. Sie kommt in die Beratung, weil sie eine diffuse Unzufriedenheit bei der Arbeit empfindet.

Bis jetzt hat sich in der Laufbahn von Yvonne C. alles wie von selbst ergeben. Wenn sie bemerkte, dass sie sich zu langweilen begann, streckte sie die Fühler aus und fand ohne grosse Bewerbungsanstrengungen eine neue und interessante Stelle. Die Pflege gefällt ihr nach wie vor, nur dass Arbeitsdruck und administrative Tätigkeiten laufend zunehmen, macht ihr zu schaffen. Sie möchte in einem Gespräch klären, wie sie die vage Unzufriedenheit verstehen und verändern könnte.
Gemeinsam schauen wir ihre aktuelle Arbeits- und Familiensituation genauer an. Was nährt ihre Zufriedenheit, was ihre Unzufriedenheit? Gibt es Wünsche, die sie in den nächsten Jahren realisieren will? Im Verlaufe des Gesprächs wird deutlich, dass es für sie gar nicht so einfach ist, auf die gestellten Fragen eine Antwort zu
finden. 

Auf Spurensuche 
Bis jetzt hat vor allem das Kriterium «Familientauglichkeit» ihre Entscheide geprägt oder Entscheide haben sich wie von selbst ergeben, sodass sie sich gar nicht erst fragen musste, was sie denn wirklich verfolgen will. Diese Erkenntnis lässt Yvonne C. nachdenklich werden und wir verabreden genau dies als Beratungsziel – herauszufinden und klarer formulieren zu können, welche (neuen?) Kriterien sie für ihre berufliche Perspektive in den Vordergrund stellen möchte und was dies für die Umsetzung bedeuten könnte. So erarbeiten wir zusammen Hausaufgaben in Form von Fragen, welche Yvonne C. auf der Spurensuche unterstützen. Es sind Fragen dabei, die zum Träumen einladen und Fragen, welche die Ausnahmen der Regel (ich weiss nicht, was ich will) fokussieren und wieder andere, die Erfahrungen von «Flow-Erleben» aufspüren.

Knopf gelöst
Zum zweiten Gespräch kommt Yvonne C. mit einigen Notizen. Zu Hause habe sie gemerkt, dass die Fragen schwierig zu beantworten seien und sie habe sie beiseite gelegt. Dann sei sie mit einer Freundin – wie alljährlich – in einem Wellness- und Plauderwochenende gewesen und da hätte sich endlich der Knopf gelöst. Diese Freundin hätte sie daran erinnert, dass sie doch alles gerne mache, was mit den Händen zu tun hat: Gärtnern, Verbände anlegen, Backen, usw. Ja und früher hatte sie gerne auf der Chirurgie gearbeitet und sich die Weiter-bildung Richtung Intensivpflege überlegt. Es wird richtig spürbar, dass Yvonne C. den Zugang zum Flow wieder gefunden hat. Und was bedeutet dies nun für sie? 
Es kristallisiert sich beim Erzählen heraus, dass sie das Handwerkliche ausbauen möchte, in Form von Naturheilkunde, genauer im Sinne von Phytotherapie, vielleicht auch Aromatherapie. Plötzlich verbinden sich verschiedene Aspekte zu einem attraktiven Ganzen: Etwas, was mit Natur zu tun hat, mit den Händen, mit fachlicher Horizonterweiterung und ausserhalb der Schulmedizin. Sie kann sich gut vorstellen, die erlernten Fertigkeiten bei ihrer Arbeit mit dementen Menschen anzuwenden und will dies demnächst bei ihrer Vorgesetzten ansprechen.

Die Ideen sprudeln
Ausserdem, meint Yvonne C., biete eine solche Ausbildung die Möglichkeit, sich später ein Spielbein aufzubauen – eine Teilselbständigkeit, wenn die Kinder aus dem Haus sind und Platz frei wird für einen Praxisraum. Die Ideen sprudeln und das Diffuse hat sich gelöst. Was war es, ist es, was in dem Prozess die Wende gebracht
hat? Und ist noch etwas nötig, um wirklich dran zu bleiben, frage ich Yvonne C. 
Sie überlegt und meint dann nachdenklich: «Ich glaube, ich habe meine Freundin und auch Sie gebraucht, um den Fokus wirklich auf mich und das, was mir Freude bereitet zu richten. Ansonsten hätte ich wieder dauernd links und rechts geschaut, was die andern erwarten und wollen.»
Insofern ist für Yvonne C. bezüglich Umsetzung weniger das Geld oder die Zeit eine Herausforderung, sondern sie selber. Und was könnte da unterstützend wirken? Sie stutzt einen Moment und lacht dann verschmitzt: «Ich mache ein Projekt draus und binde meine Familie als Projektpartner mit ein!»

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Susanna Langenbach

Susanna Langenbach ist Laufbahnberaterin für Gesundheitsberufe im biz Oerlikon. Regelmässige Informationsveranstaltungen vor Ort und individuelle Beratung unterstützen Interessierte beim Entscheiden und Umsetzen. Die Berufs- und Laufbahnberaterinnen kennen die Berufe im Gesundheitswesen, die Karrieremöglichkeiten und den Arbeitsalltag in Spitälern, Heimen oder der Pflege zu Hause.