Der Krebs hat keine Chance

Juli 2019, Parisa Abdulghani

Meine Lehrabschlussprüfungen habe ich hinter mir und warte nun gespannt auf die Resultate. Seit ich die Zeit der Abschlussprüfungen überstanden habe, bin ich bei vielen neuen Klienten im Einsatz gewesen. Dabei habe ich viele neue Gesichter gesehen und damit auch viele neue Charaktere kennengelernt. Jeder Mensch hat seine eigene Lebensgeschichte, manche erzählen sie offen und manche sind wie ein verschlossenes Buch.

Vor einigen Wochen war ich zum ersten und zum letzten Mal bei einer gewissen Dame im Einsatz. Es war der letzte Einsatz, da sie zwei Tage später ins Altersheim zog. Die Dame ist 84 Jahre alt und lebte bisher allein in einer 3-Zimmer Wohnung. Sie erhielt zwei Mal in der Woche von der Spitex Unterstützung beim Duschen. Am Anfang meines Einsatzes war sie ziemlich verschlossen und brachte nur das nötigste über die Lippen.

Ich mag es generell nicht, wenn ich bei Klienten oder Klientinnen bin und peinliche Stille herrscht. Noch unangenehmer finde ich die Stille während eines Duscheinsatzes, denn es ist eine ziemlich intime Sache. Die Klientin muss sich vor der Pflegenden komplett enthüllen und die Stille macht die Situation nicht unbedingt besser. Ist man jedoch im Gespräch ist beiden Parteien viel weniger bewusst, was für eine intime Situation es eigentlich ist und es nimmt der Klientin auch ein wenig das Schamgefühl. Um zu diesem Gespräch zu gelangen stelle ich viele Fragen oder erzähle manchmal etwas von mir. Vertraue ich ihr, vertraut sie mir, oder?

Indem ich ihr Fragen stellte, merkte sie, dass ich Interesse an ihrem Leben habe und so öffnete sie sich und erzählte mir einige persönliche Dinge. Ich erfuhr, dass sie sich selbst dazu entschieden hat ins Altersheim zu ziehen, obwohl es ihr sehr schwer fällt die gewohnte Umgebung und die damit verbundenen Erinnerungen zu verlassen. Seit bei ihr aber Krebs diagnostiziert worden ist, wäre es zu schwierig allein in den eigenen vier Wänden zu bleiben, vor allem nach einer Chemotherapie. Sie sagte, man sei im Alter ohnehin kraftloser als früher und dann kommt noch die Chemo…! Sie hat zwar eine Tochter, welche sie regelmässig besuchen kommt, jedoch möchte sie ihr nicht zur Last fallen, denn sie hätte auch ihr eigenes Leben und eine eigene Familie.

Ich war richtig begeistert von ihr, denn sie war trotz allem ziemlich selbstständig und motiviert. Während des gesamten Einsatzes benötigte sie lediglich beim Waschen und eincremen des Rückens Unterstützung, alles andere machte sie selbst. Ich war froh darüber, dass ich doch noch mit ihr ins Gespräch gekommen bin und ich hatte das Gefühl, dass ihr dieses Gespräch auch gut getan hat. Sie bekam zwar glasige Augen, als sie mir von ihrer Krankheit erzählte, trotzdem sah sie mich selbstsicher an und sagte: «Vom Krebs lahn ich mich sicher nöd abezieh!». Sie ist fest entschlossen gegen die Krankheit anzukämpfen.

Viele Menschen lassen sich bereits von Kleinigkeiten runterziehen und betrachten diese Welt als unfair. Nehmen wir uns doch ein Beispiel an dieser starken Dame und lassen uns von nichts deprimieren.

Comments

Parisa Abdulghani

Parisa Abdulghani schloss diesen Sommer ihre Ausbildung zur Fachfrau Gesundheit EFZ ab. Was sie bei ihrer spannenden Arbeit bei Spitex Zürich Sihl alles erlebt, welche persönlichen Erfahrungen sie macht und was sie beschäftigt, erzählt sie im PulsBlog.