Beziehungsaufbau benötigt Fingerspitzengefühl

Oktober 2019, Vanessa Natalia Kosiewicz

Während drei erholsamen Wochen Sommerferien konnte ich mich mental auf das zweite Lehrjahr meiner Ausbildung als Fachfrau Gesundheit vorbereiten. Diese Zeit hat mir den Abstand geboten, den ich nach dem ersten Lehrjahr von meiner Arbeit gebraucht habe.

Als ich erfuhr, dass meine Mitlernenden und auch die "Oberstiftin" zukünftig auf derselben Abteilung wie ich sein werden, tat mir das gut, denn mit ihnen kann ich über Situationen im Alltag sprechen und weiss, dass sie mich verstehen. Neu sind nun auch zwei Lernende unter mir, denen ich vieles zeigen und erklären kann. Dies ist ein zusätzliches Training für mich, denn so kann ich mein Gelerntes weitergeben und erkenne meine Wissenslücken. Auch das neue Team gefällt mir. Zwar gibt es andere Regeln und Normen, die ich noch kennenlernen und verstehen muss, aber das ist am Anfang ja immer so.

In der Schule blieb mehrheitlich alles beim Alten, das Fach Berufskunde nimmt aber einen noch grösseren Teil ein. Ich spürte gleich zu Beginn, dass dieses Jahr strenger werden wird als das Vorjahr. Ebenfalls merke ich, dass die Hausaufgaben deutlich anspruchsvoller geworden sind. Viele aus meiner Klasse arbeiten im Spital, was bedeutet, dass sie medizinal-technische Verrichtungen häufig üben können. Doch auch in den Pflegezentren haben wir medizinische Geräte, bei deren Einsatz ich so oft als möglich beteiligt sein möchte – darauf werde ich besonders achten.

Auf der neuen Abteilung musste ich erst die Bewohnerinnen und Bewohner und deren Krankheitsbilder kennenlernen. Das war eine spannende Zeit, denn nicht immer wusste ich was ich tun darf. Auch die Beziehung zu den, mir noch fremden Menschen aufzubauen, benötigte Fingerspitzengefühl, denn es ist auch in meinem Beruf menschlich, dass man Sympathie und Antipathie verspürt. So gibt es den einen oder anderen Bewohner, den man lieber mag, aber das darf im Arbeitsalltag keine Rolle spielen. Und gerade hier liegt die Herausforderung. Deshalb bin ich besonders stolz darauf, wenn ich heikle Situationen bewältige und auch noch ein Lob dafür bekomme. In solchen Momenten habe ich gelernt Empathie zu zeigen und zu versuchen, den anderen Mitmenschen zu verstehen. So habe ich bereits schon manche Klippe umschifft. Wenn ich das dann meinen Freunden erzähle, merke ich, wie viel Lebenserfahrung ich bereits in einem Jahr gewonnen habe.

Momentan betreue ich eine ältere Frau, die an Depressionen leidet. Sie weint oft und erwähnt immer wieder, sie wolle so nicht weiterleben bzw. ärgert sich über das alt werden. Ich versuche mich in die Bewohnerin hineinzuversetzen und mir ihr zu reden, denn reden hilft ihr. Schon nur die Frage «Wie geht es Ihnen?» kann ein Lächeln in ihr Gesicht zaubern. Ich bin mir bewusst, dass meine Handlungsmöglichkeiten durch das Krankheitsbild eingeschränkt sind, aber ich bin für die Bewohnerin da und ich spüre, dass sie sich von mir wahrgenommen fühlt. Auch wenn ich ihre Probleme nicht lösen kann: Es tut ihr gut, wenn ich ein offenes Ohr für sie habe.

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Vanessa Natalia Kosiewicz

Vanessa Natalia Kosiewicz startete letzten Sommer ihre dreijährige Ausbildung zur Fachfrau Gesundheit Im Pflegezentrum Gehrenholz. Warum sie sich für eine Ausbildung im Gesundheitswesen entschieden hat und wie sie die Arbeit in der Langzeitpflege erlebt, erzählt sie im PulsBlog.