Am richtigen Ort suchen

April 2017, Susanna Langenbach

Kathrin T. ist Anfang 30 und seit einigen Jahren in einem Akutspital in verschiedenen Funktionen tätig. Bis jetzt haben sich bei ihr berufliche Veränderungen jeweils von selbst ergeben. Kaum stand sie an einen Punkt, an dem sich die Routine breit machte, erhielt sie ein Angebot für eine neue Stelle oder Funktion, das sie attraktiv fand.

Aktuell arbeitet sie in einem onkologischen Ambulatorium und geniesst die regelmässigen Arbeitszeiten. Zugleich bemerkt sie auch eine innere Unruhe: sie würde sich gerne weiter entwickeln und weiss nicht wohin. Soll sie sich im Bereich Onkologie weiter vertiefen? Oder das Fachgebiet wechseln? 
Sie fühlt sich sehr wohl im Team und hat auch schon Bemerkungen gehört, dass man sie als stellvertretende Leitung sähe. Doch will sie das wirklich?
Sie möchte in der Beratung mittelfristige Ziele erarbeiten und Klarheit darüber gewinnen, welche Art von Weiterbildung für sie lohnenswert wäre. Am liebsten hätte sie Tipps, wie sie herausfinden kann, was sie wirklich will.
Nach all den positiven Rückmeldungen, die Kathrin T. auf ihrem beruflichen Weg erfahren hat, könnte man meinen, sie hätte allen Grund, selbstbewusst zu sein, doch sie wirkt eher angespannt und hadert sichtlich mit sich: «Ich sollte zufrieden sein und bin es einfach nicht. Ich sollte endlich meinen beruflichen Platz gefunden haben. Doch je älter ich werde, desto weniger ist mir klar, wo der ist oder sein könnte. Das Leben zieht vorbei und ich erlebe mich nicht als aktiv mitgestaltend...» Auch scheint ihr nicht so klar, wo ihre Stärken und Interessen liegen – irgendwie überall und nirgends... so jedenfalls erlebt sie das im Moment.
Wir verabreden, dass wir vorerst das Thema «Weiterbildung» zurückstellen und uns dafür der Frage widmen, wie eine wünschenswerte Entwicklung aussähe, sowohl beruflich wie privat. Schliesslich beeinflussen sich die Bereiche gegenseitig und sind nicht immer klar zu trennen.
Bei der Klärung der wünschenswerten Entwicklung berücksichtigen wir nicht nur den Punkt, wohin die Reise gehen soll sondern auch, wie sie dazu stehen will. Oder anders formuliert: Welche Kriterien will sie bei ihrer künftigen Ausrichtung in den Vordergrund stellen. Sie ist zwar schon Anfang 30 und zugleich erst Anfang 30, und so lohnt es sich, genau hinzuschauen, welche Veränderung für sie sinnvoll ist. Anhand von verschiedenen Aufgaben geht Kathrin T. den angesprochenen Themen nach. 

Die «gute» Routine 
In der zweiten Sitzung kommt Kathrin T. mit einigen Notizen und erklärt, dass gewisse Aufgaben sehr anspruchsvoll waren. Insbesondere das Träumen in eine ideale Zukunft und die Realität beiseite zu lassen, sei ihr sehr schwer gefallen. Die Auseinandersetzung mit dem Thema hat ihr verdeutlicht, dass ihr Sicherheitsbedürfnis sehr viel steuert während die Wünsche, einiges an Risikobereitschaft von ihr fordern...
Alles in allem ist für sie klar geworden, dass sie sich unnötigen Druck macht. Die Idee einer Weiterbildung ist «aus dem Kopf» und nicht «aus dem Bauch» entsprungen. Im Grunde gefällt es ihr nach wie vor an der Stelle trotz Routine und es ist jetzt nicht der Zeitpunkt für berufliche Veränderungen. 
Vielmehr hat sie einiges entdeckt, das sie im privaten Bereich angehen, wagen möchte: (endlich) mit ihrem Partner aufs Land ziehen sowie eine längere Reise in den Osten sind Ideen, die sie oft besprochen und nie umgesetzt haben. Das möchte sie jetzt anpacken und es kommt auch klar vor einer allfälligen Familiengründung, die weiter weg am Horizont ein Thema ist. 

Persönliche Entfaltung 
Kathrin T. ist in die Laufbahnberatung gekommen, um berufliche Ideen zu entwickeln und geht nun mit privaten Vorhaben als Ergebnis nach Hause. Sie wirkt entspannt und fokussiert – ganz anders als zu Beginn der Beratung. Ihr Augenmerk richtet sie jetzt vermehrt auf das, was sie stärkt und weniger auf das, was andere möglicherweise von ihr wollen, erwarten. 
Drei Monate später schreibt sie mir eine Mail mit einer Umzugsanzeige. Sie haben eine passende Wohnung auf dem Land gefunden – mit Umschwung, sodass sie ihr Hobby mit Gärtnern ausleben kann. Bei der Arbeit ist sie nachhaltig entspannter, weil sie merkt, dass die Routine auch Vorteile hat – sie kann als Freiraum für persönliche Entfaltung genutzt und nicht nur als Aufforderung zum Weitergehen verstanden werden. 
Abschliessend meint sie. Ganz entscheidend sei es für sie gewesen, den Fokus auf ihr «Aufblühen» zu richten anstatt auf die Erwartungen ihres Umfelds. So hätte sie am richtigen Ort suchen – und auch finden können, welches der passende nächste Schritt ist.

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Susanna Langenbach

Susanna Langenbach ist Laufbahnberaterin für Gesundheitsberufe im biz Oerlikon. Regelmässige Informationsveranstaltungen vor Ort und individuelle Beratung unterstützen Interessierte beim Entscheiden und Umsetzen. Die Berufs- und Laufbahnberaterinnen kennen die Berufe im Gesundheitswesen, die Karrieremöglichkeiten und den Arbeitsalltag in Spitälern, Heimen oder der Pflege zu Hause.