Unterwegs mit helfenden Händen

Dass sich Ines Dimbo beruflich in der Gesundheitsbranche verwirklichen möchte, stand für sie schon früh fest. Den Grundstein für ihre heutige Tätigkeit legte die 26-jährige vor rund zehn Jahren im Zürcher Pflegezentrum Käfer. Auf ein Praktikum folgte zunächst die Ausbildung zur Pflegeassistentin. Nach drei Jahren gesammelter Berufserfahrung entschied sich Ines für die weiterführende Ausbildung zur Fachfrau Gesundheit bei der Spitex Zürich Sihl, für die sie bis heute tätig ist. Was Ines an ihrer Arbeit liebt und vor welchen Herausforderungen sie immer wieder steht, erzählt sie im Interview.

Ines, warum hast Du Dich dafür entschieden, als FaGe bei der Spitex zu arbeiten?

Ines Dimbo: Nachdem ich fünf Jahre in einem Pflegezentrum gearbeitet habe, war ich auf der Suche nach einer neuen Herausforderung. Dabei hat mich die Neugierde gepackt, wie wohl die «Pflege von Menschen zu Hause» funktioniert. Ich fand die Vorstellung spannend, meine bisher gewonnenen Fähigkeiten in den eigenen vier Wänden pflegebedürftiger Menschen einzusetzen.

Du pflegst in erster Linie betagte Menschen – was motiviert Dich dabei?

Ines Dimbo: Dass ich viel Wertschätzung und Dankbarkeit erfahre. Nicht nur von meinen Klienten selbst, sondern auch von ihren Angehörigen, denen aufgrund des eigenen Berufes oftmals die Zeit fehlt, ihr pflegebedürftiges Familienmitglied richtig zu versorgen. 

Welche Art der Unterstützung benötigen die Menschen, die Du zu Hause pflegst?

Ines Dimbo: Ich pflege Menschen, die für kurze oder längere Zeit Unterstützung benötigen, um zu Hause leben zu können. Ich helfe meinen Klienten beispielsweise mit der täglichen Körperpflege oder medizinaltechnischen Verrichtungen. Während dieser Einsätze ist die Erhaltung und Förderung der Selbständigkeit das oberste Ziel – wir arbeiten nach dem Grundsatz «Hilfe zur Selbsthilfe». 

Worauf muss man im Speziellen achten, wenn man mit betagten Menschen bei ihnen zu Hause arbeitet?

Ines Dimbo: Wenn ältere Menschen Hilfe im Alltag benötigen, ist das für sie oft ein entscheidender Einschnitt in die Selbstbestimmung. Daher ist es wichtig, Vertrauen aufzubauen. Je vertrauter der Umgang, desto reibungsloser verläuft die Betreuung. Aufmerksamkeit, Herzlichkeit, Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit sind sehr wichtig für die Beziehung zwischen Pflegebedürftigem und Spitex-Mitarbeiter zu Hause. 

Inwiefern profitierst Du von den älteren Menschen, mit denen Du arbeitest? Und wie profitieren sie von Dir?

Ines Dimbo: Die Zusammenarbeit besteht aus einem Geben und Nehmen. Über die Pflege hinaus kann ich meinen Klienten beispielsweise bei technischen Fragen in Bezug auf das Handy oder den Computer helfen. Gleichzeitig ist es bewundernswert, wie viel man von älteren Menschen lernen kann. Ob das nun Kochrezepte oder Lebensweisheiten sind – durch ihren Erfahrungsschatz und all ihre Erinnerungen überraschen meine Klienten mich immer wieder. Auch wenn sie schon in einem höheren Alter sind, bleiben sie im Herzen doch jung. Viele interessieren sich zum Beispiel dafür, welche Trends gerade angesagt sind und ziehen dann Vergleiche zu früher. Es ist spannend zu sehen, wie vieles davon schon einmal dagewesen ist.

«Die Zusammenarbeit besteht aus einem Geben und Nehmen.»

Ines Dimbo
Was ist das Schöne an deinem Beruf?

Ines Dimbo: Ich erlebe eigentlich täglich schöne Situationen. Bereits der Moment, in dem ich zur Türe hereinkomme und meine Klienten lächeln sehe, bedeutet mir viel. Wenn ich urlaubsbedingt eine Weile nicht kommen konnte und bei meiner Rückkehr sehe, wie froh meine Klienten sind, mich wiederzusehen, gibt mir das sehr viel. Es bestätigt mir, dass sie zufrieden mit mir sind und meine Arbeit wirklich wichtig ist. 

Welche Charaktereigenschaften bzw. Fähigkeiten sollte eine Person haben, die bei der Spitex und mit alten Menschen arbeitet?

Ines Dimbo: Man sollte aufmerksam, geduldig, kommunikativ, verantwortungsbewusst, teamfähig und extrem flexibel sein. Hier steht der Mensch als ganzer im Mittelpunkt – mit Körper, Geist und Seele. Dessen muss man sich bewusst sein, denn alles gleichermassen im Blick zu behalten, ist nicht immer einfach.

«Hier steht der Mensch als ganzer im Mittelpunkt – mit Körper, Geist und Seele.»

Ines Dimbo
Welche sind für Dich die grössten Herausforderungen und Schwierigkeiten bei der Arbeit mit alten Menschen zu Hause?

Ines Dimbo: Bei mir wird die Arbeit dann zu einer echten Herausforderung, wenn die alten Menschen die Hilfe der Spitex nicht akzeptieren wollen, obwohl sie diese dringend benötigen würden. Wenn sich ein Klient zum Beispiel zu Hause verbarrikadiert und weder Angehörige noch einen Vormund hat, stehen wir vor einem echten Problem. Eine Lösung dafür zu finden, gelingt dann nur im Team und mit interdisziplinären Ansätzen. 

Wie reagierst Du persönlich auf Probleme und Herausforderungen, die sich durch Deinen Beruf ergeben?

Ines Dimbo: Zuerst versuche ich mir einen Überblick über die Situation zu verschaffen und ruhig zu bleiben. Insofern es meine Fähigkeiten und Kompetenzen erlauben, handle ich sofort. Wenn ein Klient beispielsweise gestürzt ist und keine schlimmen Folgen davongetragen hat, kann ich ihn direkt versorgen. Später muss ich den Vorgang der diplomierten Pflegekraft oder der Spitex-Leitung mitteilen. In schwerwiegenden Fällen hingegen hole ich sofort Hilfe.

Kannst Du von einer schwierigen Situation erzählen und wie Du sie gemeistert hast?

Ines Dimbo: Bei einem Einsatz kam ich nicht in das Haus meiner Klientin hinein, da ein falscher Schlüssel von innen im Schloss steckte. Nachdem ich mehrmals geläutet habe, kam die ältere Dame ans Fester und schrie nach Hilfe. Sie war verwirrt und wirkte ängstlich. Ich versuchte vergeblich, sie zu beruhigen und gemeinsam mit ihr die Wohnungstür zu öffnen. Letztendlich gab ich auf und kletterte durch das 1.5 Meter höher gelegene Wohnzimmerfenster in die Wohnung hinein. Mit einem Frühstück und warmem Kaffee konnte ich die alte Dame wieder beruhigen, meine diplomierte Pflegekollegin benachrichtigen und einen Schlosser anrufen, um die Türe zu reparieren. Das war bisher die nervenaufreibendste Aktion, die ich im Rahmen meiner Arbeit bei der Spitex erlebt habe. Rückblickend betrachtet bin froh, damals so reagiert zu haben und würde es immer wieder genau so tun. 

Wer unterstützt und coacht Dich, wenn du schwierige Situationen im Arbeitsalltag erlebst?

Ines Dimbo: In erster Linie meine diplomierten Arbeitskolleginnen und -kollegen. Bei Unklarheiten oder Problemen kann ich mich jederzeit an sie wenden. Telefonisch klären wir ab, ob die jeweilige Situation noch innerhalb meiner Fachkompetenz liegt oder ob ich Unterstützung vor Ort benötige. 

Abgesehen von der Arbeit mit Deinen Klienten – was gefällt Dir bei der Spitex besonders gut? 

Ines Dimbo: Ganz klar: der Umgang mit meinem Team und der Spitex-Leitung. Wir pflegen ein offenes und freundschaftliches Verhältnis. Egal, welches Diplom jemand hat – eine Hierarchie ist nicht zu spüren. Ausserdem wird das Thema Weiterbildung an meiner Spitex grossgeschrieben, was mir sehr wichtig ist.

Was belastet Dich am meisten in Deinem Beruf? Und wie gehst Du mit dieser Belastung um?

Ines Dimbo: Obwohl ich seit rund zehn Jahren in der Pflege tätig bin, nehmen mich Todesfälle nach wie vor sehr mit – auch wenn die Konfrontation mit dem Thema leider keine Seltenheit in meinem Beruf ist. Fachkräftemangel und der damit einhergehende zeitliche Druck, unter dem man manchmal arbeiten muss, beschäftigen mich ebenfalls. Glücklicherweise kann ich das aber immer bei meinen Vorgesetzten oder im Team ansprechen.

«Fakt ist: Unsere Gesellschaft wird immer älter, der Bedarf an Altenpflegern immer grösser – jetzt und in Zukunft.»

Ines Dimbo
Inwiefern empfindest Du Deinen Beruf als sinnstiftend?

Ines Dimbo: Fakt ist: Unsere Gesellschaft wird immer älter, der Bedarf an Fachkräften in der Betagtenpflege immer grösser – jetzt und in Zukunft. Deshalb finde ich es sinnvoll, weiterhin in der Pflege zu arbeiten und mich weiterzubilden. Im März 2016 werde ich daher ein Studium zur diplomierten Pflegefachfrau HF am ZAG aufnehmen.

Vielen Dank für das Interview.