Von den Komplimenten

Januar 2018, Josefa Kohler

Komplimente von Patienten sind gar nicht so selten wie man denken mag; die meisten sind sogar dankbar für so kleine Sachen, dass es schon fast wieder peinlich ist. Meistens sind es Rückmeldungen über die Zuverlässigkeit oder eine Aufmunterung. Weniger häufig über eine Tätigkeit. Aber ganz selten kommen auch sehr fiese, aber im Herzen eben doch gut gemeinte Komplimente.  

Letztens zum Beispiel machte ich eine Blutentnahme und die Patientin war den Tränen nah, wegen den Schmerzen und weil sie Berührungen nicht erträgt, was bei einer Blutentnahme leider nicht vollkommen verzichtbar ist. Danach habe ich mich ziemlich schlecht gefühlt. Aber dieser zum Teil sadistische Akt des Blutentnehmens gehört einfach dazu. Ein, zwei Wochen später kam sie mit den Worten auf mich zu: „Ich dachte die Blutentnahme bei Ihnen sei schmerzhaft gewesen, aber die Ihrer Kollegin war so schlimm, dass die Ihre quasi schmerzfrei war.“ Jetzt stellt sich mir die Frage; ist das nun eine Beleidigung für mich und meine Arbeitskollegin, oder wollte sie mir ein Kompliment machen? Ich entschied mich für letzteres, einfach für mein Gewissen.

Auch schon zu hören bekam ich: „Sie sind super, vielen Dank, dass Sie mich nicht sofort mit Medikamenten vollpumpen möchten, ist nicht selbstverständlich.“ Bevor man jetzt meinen könnte, so etwas gäbe es auf der Station; nein, die Patienten können sehr weit selbst über ihre Medikation bestimmen und alles verweigern. Was jedoch stimmt, ist, dass schneller einfach mal ein Temesta angeboten wird als ein Gespräch, oft aus Zeitgründen (manchmal aber auch wegen der Geduld).

Das vielleicht grenzwertigste Beispiel von den interessanten Komplimenten, kam von einer Patientin, mit welcher ich eine sehr gute Beziehung hatte. Als ich am Nachmittag nach einer internen Schulung noch kurz auf der Station vorbeischaute, wobei ich am Morgen nicht gearbeitet hab, lief mir diese besagte Patientin über den Weg, schaute mich an und anstatt eines Hallos bekomme ich ein: „Sie sehen ja richtig frisch aus, wenn Sie nicht arbeiten müssen.“ zu hören. Das werde ich nun einfach so stehen lassen.

Neben den fies-interessanten Komplimenten gibt es aber auch noch diese, die möglicherweise zu weit gehen. Nicht einmal im negativen Sinn, aber die gesunde Patienten-Pflegenähe wird damit definitiv gebrochen. Damit sind die Komplimente gemeint, die zu intim werden (und ich spreche jetzt nicht von den leicht widerlichen Angeboten, z.B. männliche Patienten beim In-den-Becher-urinieren-kontrollieren-begleiten, das wird bei uns geschlechtergetrennt durchgeführt). „Sie sind schön!“ ist das klassische Bespiel. Man kann nie wissen, was der Patient damit sagen wollte.

Wenn man reagiert und so etwas sagt wie: „Ich fühle mich nicht wohl bei einer solchen Äusserung, ich gehöre zum Pflegeteam, bitte unterlassen Sie in Zukunft solche Meinungen.“, ist zwar rein formell alles richtig gelaufen, aber es könnte einem die Beziehung zum Patienten kaputt machen.

Falls man jedoch nicht reagiert, kann es der Patient als Einverständnis sehen und wird immer wieder solche Komplimente machen, was früher oder später auch die Beziehung zerstören kann. Manchmal ist es wirklich schwierig, das richtige zu machen, da kann kein Lehrbuch einem verraten, was in den einzelnen Situationen angebracht ist. Jeder in der Pflege hat seine eigene Meinung zu den Grenzen was Nähe und Distanz angeht und somit ist es eine reine Intuitionsgeschichte.

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Josefa Kohler

Josefa Kohler befindet sich im zweiten Ausbildungsjahr zur Fachfrau Gesundheit in der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, am Standort Rheinau. Für puls-berufe.ch erzählt sie aus ihrem Arbeitsalltag und berichtet von den Herausforderungen und den schönen Momenten, die dieser Beruf mit sich bringt.