Miteinander und voneinander lernen

Juli 2016, J. Leonhard

Junge Mitarbeitende können vom Wissen und der Erfahrung ihrer älteren Kollegen profitieren. Umgekehrt bringt der Pflegenachwuchs frischen Wind und neue fachliche Erkenntnisse in den Arbeitsalltag ein. Die Mischung macht’s! Genau das trifft auch auf das Team von Margaux Kaess zu. Die angehende Fachfrau Gesundheit arbeitet im Spital Zollikerberg mit Kolleginnen und Kollegen unterschiedlichen Alters zusammen. Wie sie von ihrem Team lernt und wie sie ihr eigenes Wissen in den Arbeitsalltag einbringen kann, erzählte sie uns im folgenden Interview.

Margaux, Du bist nun schon im 3. Jahr Deiner Ausbildung. Weshalb hast Du Dich für den Beruf Fachfrau Gesundheit entschieden?

Margaux Kaess: Durch meine Familie habe ich schon früh erste Einblicke in den Gesundheitsberuf gewonnen – meine Grossmutter war Krankenschwester, mein Grossvater Arzt. Die Vorstellung, ebenfalls in einem Spital zu arbeiten, hat mir gefallen. Ich möchte anderen Menschen gerne helfen und für ihr Wohlergehen sorgen. Daher habe ich mich nach der Sekundarschule für die Lehre als FaGe entschieden.

Was gefällt Dir besonders gut an Deiner Lehre und am Berufsbild FaGe?

Margaux Kaess: Der intensive Patientenkontakt gefällt mir sehr gut. Da wir FaGe weniger administrative Aufgaben als beispielsweise diplomierte Pflegefachfrauen haben, arbeiten wir besonders eng mit den Patienten zusammen. Aus diesem Grund nehmen wir auch eine wichtige Funktion innerhalb des Teams ein.

Wie gross ist Dein Team und wie kann man sich Eure Zusammenarbeit vorstellen?

Margaux Kaess: Wir sind ca. 50 Personen. Als Schichtbetrieb mit unterschiedlichen Arbeitszeiten sehen wir uns jedoch nicht regelmässig. Das bedeutet auch, dass ich als Lernende nicht immer in der gleichen Teamzusammensetzung arbeite. Daher ist es umso wichtiger, dass alle Teamkollegen wissen, in welchem Lehrjahr ich bin und welche Semesterziele ich erreichen muss. Im Endeffekt versucht das ganze Team, mich aktiv dabei zu unterstützen, meine Ziele zu erreichen.

«Im Endeffekt versucht das ganze Team, mich aktiv dabei zu unterstützen, meine Ziele zu erreichen.»

Wie kann man sich die Unterstützung durch Dein Team vorstellen? Wie geben Deine Kollegen ihr Wissen an Dich weiter?

Margaux Kaess: Die Voraussetzung dafür, dass die Teamkollegen ihr grosses Fachwissen an uns Jüngere weitergeben können, ist Kommunikation. Das ist im teilweise stressigen Arbeitsalltag zwar nicht immer einfach, aber sehr wichtig. Gerade für spontane Lernsituationen, die sich im Spitalalltag immer wieder ergeben, sollte Platz und Zeit sein. Einen Verbandswechsel oder das Vorbereiten einer Infusion lernt man von Kollegen durch praktische Übungen einfach am besten.

Darfst Du jetzt, im 3. Lehrjahr, bereits alleine mit Patienten arbeiten? Oder wirst Du begleitet?

Margaux Kaess: Wie in fast allen Spitälern arbeiten wir in Tandems. Während meines ersten Lehrjahrs habe ich eng mit einer bereits ausgebildeten FaGe zusammengearbeitet. Das ist gerade am Anfang von grossem Vorteil, da man sehr viel lernen kann. Jetzt, im 3. Lehrjahr, arbeite ich weitestgehend selbständig. Natürlich gibt es aber immer noch Situationen, in denen ich unsicher oder nicht routiniert bin. Dann bin ich froh, dass ich meine Tandempartnerin oder meine Ausbilderin zu Rat ziehen kann, um Fehler zu vermeiden.

Wie ist Deine Erfahrung in der Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Generationen?

Margaux Kaess: Bis jetzt habe ich nur positive Erfahrungen gemacht. Eine kleine Herausforderung ist hin und wieder, dass ich in der Schule bestimmte Dinge anders lerne, als eine Person sie kennt, die seit 30 Jahren in der Pflege arbeitet. Man sollte dann versuchen, voneinander zu profitieren. Als Pflegenachwuchs können wir dazu beitragen, dass ein Team jung und up-to-date bleibt, während wir gleichzeitig von der wertvollen Erfahrung der älteren Mitarbeiter lernen.

Wie wichtig ist Dir der mentale bzw. emotionale Beistand durch Deine Kollegen?

Margaux Kaess: Für mich persönlich ist er sehr wichtig. Ich denke jedoch, dass man lernen sollte, unabhängig von anderen Personen mit schwierigen Situationen umzugehen. Das Wichtigste ist zu wissen, dass jemand da ist, wenn es darauf ankommt.

«Das Wichtigste ist zu wissen, dass jemand da ist, wenn es darauf ankommt.»

Kannst Du uns von einer solchen Situation berichten, in der Du froh warst, dass Deine Kollegen da waren?

Margaux Kaess: Als das erste Mal ein Patient verstorben ist, hat mich das sehr mitgenommen. Meine Teamkollegen haben mir damals grosses Verständnis und Mitgefühl entgegengebracht. Da sie leider schon deutlich häufiger mit dieser Situation konfrontiert wurden, konnten sie damit ganz anders umgehen als ich. Das hat mir damals sehr geholfen. Mit der Zeit lernt man langsam aber sicher selbst damit umzugehen.

Würdest Du sagen, dass Du durch deine Lehre bestimmte Dinge lernst, die über den Pflegeberuf selbst hinausgehen?

Margaux Kaess: Ja, ich habe zum Beispiel gelernt mich von bestimmten Dingen abzugrenzen und sie nicht zu nah an mich heranzulassen. Das geschieht sicherlich aus einer Art Selbstschutz heraus. Denn Themen wie Krankheit oder Tod gehören nun mal zu meinem Beruf. Den Umgang mit unterschiedlichen Kulturen empfinde ich zudem als sehr bereichernd. Ob Kollegen oder Patienten – man begegnet immer wieder Menschen aus andern Kulturkreisen. Das stärkt die eigene Sozialkompetenz.

In welchen Situationen findest Du Deine Lehre besonders schön und wann besonders schwierig?

Margaux Kaess: Ich erlebe sehr viele schöne Momente. Wenn ich einer alten Dame zum Beispiel die Haare wasche und frisiere, erfahre ich unglaublich viel Dankbarkeit. Das gibt mir ein sehr schönes Gefühl. Schwierig wird es, wenn ein Patient unzufrieden ist und nicht kooperativ mit mir zusammenarbeitet. Das passiert hin und wieder, denn ein Spitalaufenthalt ist für jeden eine schwierige Situation.

Was sind für Dich persönlich die grössten Herausforderungen, vor denen Du durch Deine Lehre stehst?

Margaux Kaess: Eine der grössten Herausforderungen war und ist, dass ich häufig an den Wochenenden arbeiten muss. Als ich die Ausbildung mit 16 begonnen habe, war ich die einzige in meinem Freundeskreis, die samstagmorgens um 5 Uhr aufstehen und arbeiten gehen musste. Das erforderte natürlich, dass ich von Anfang an zu 100 Prozent hinter meinem Beruf stehen und die Lehre wirklich machen wollte.

Welche Ratschläge würdest Du einer Person geben, die eine Ausbildung zur FaGe machen möchte?

Margaux Kaess: Zunächst würde ich mir überlegen, ob ich die Ausbildung im Spital, einem Alters- oder Pflegeheim, in der Psychiatrie, einer Rehabilitation oder einem Behindertenwohnheim machen möchte – die Möglichkeiten sind gross. Grundsätzlich ist die Ausbildung zwar die gleiche, der Betrieb entscheidet aber letztlich über die jeweilige Ausrichtung. Daher empfiehlt es sich, erstmal in die verschiedenen Bereiche hinein zu schnuppern. Wichtig finde ich auch, dass man sich über seine Rechte informiert. Viele Betriebe wissen beispielsweise nicht, dass Sonntagsschichten nicht mit 16-jährigen besetzt werden dürfen. In solchen Fällen kann man sich dann auf den Jugend- bzw. Ausbildungsschutz berufen.

Margaux, würdest Du Dich wieder für diesen Beruf entscheiden?

Margaux Kaess: Auf jeden Fall! Der Beruf bietet einem sehr viele Optionen und tolle Weiterbildungsmöglichkeiten. Wenn man gerne mit Menschen zusammenarbeitet, ist es ein unglaublich schöner Beruf, durch den man zusätzlich viel über das Leben lernen kann.

Vielen Dank für das Interview!

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