Kinaesthetics – Schmerzfrei pflegen

Juli 2016, J. Leonhard und A. Thoma

Wer in einem Pflegeberuf arbeitet, muss körperlich belastbar sein. Denn das Heben und Tragen von Patienten gehören oft zum Arbeitsalltag. Es ist darum nicht erstaunlich, dass viele Pflegekräfte unter Beschwerden wie Muskelverspannungen oder Rückenschmerzen leiden. Doch was kann gegen solche Beschwerden getan werden? Die Antwort kann das «Kinaesthetics-Konzept» sein.

Kinaesthetics ist die «Lehre der Bewegungswahrnehmung». Im Mittelpunkt steht die menschliche Bewegung. Wichtig ist, dass diese Bewegung ohne Anstrengung und Kraftaufwand abläuft. Das Konzept wird seit den 1980er Jahren in der Krankenpflege angewendet. Bat-Sheva Shuker Cosman, die seit über 30 Jahren in der Gesundheitsbranche arbeitet, hat die Kinaesthetics ebenfalls für sich entdeckt: «Ich erkannte die Grenzen der herkömmlichen Pflege und suchte nach einer neueren und sanfteren Pflegeart, die auch mich selbst schont.» Mittlerweile ist sie seit zwölf Jahren Kinaesthetics-Trainerin und bietet regelmässig Kurse, Workshops und Praxisbegleitungen für Patienten, Pflegefachleute und Hauswirtschaft an.

Mehr Selbstsicherheit, weniger Schmerzen

Mithilfe von Kinaesthetics minimieren Personen in Pflegeberufen das Heben und Tragen der Patienten bei der täglichen Arbeit. Der eigene Körper wird so entlastet und Rücken- sowie Nackenschmerzen vermieden. Wie das funktioniert? Ein wichtiger Leitsatz der Kinaesthetics lautet: «Massen fassen, Zwischenräume spielen lassen.» Massen sind beispielsweise der Kopf, der Brustkorb, das Becken sowie die Arme und Beine. Zwischenräume sind zum Beispiel der Hals, die Achselhöhlen, die Leisten oder die Taille. Man soll einen Patienten also über die Massen unterstützen. Indem man ihm «unter die Arme greift», hilft man ihm nicht. Im Gegenteil: Der Patient verkrampft sich automatisch und seine Bewegungsmöglichkeiten werden blockiert. Durch Kinaesthetics werde der Patient wieder selbstsicherer, erklärt Shuker Cosman: «Patienten haben dank Kinaesthetics deutlich weniger Schmerzen und bleiben länger selbstständig.»

Effizienter und motivierter arbeiten

Situationen, in denen kinaesthetische Bewegungsabläufe hilfreich sein können, sind zum Beispiel der Weg vom Bett in den Rollstuhl, der Wechsel vom Liegen in das Sitzen oder beim selbständigen Waschen und Anziehen. «In der Kinaesthetics wird der Patient nicht als ein ‚schwerer Transfer’ angesehen, sondern stellt eine positive ‚Herausforderung’ dar», erklärt Shuker Cosman. «Ausserdem wird effizienter und effektiver mit dem Patienten gearbeitet, so können die Pflegefachleute ihre Zeit optimal einsetzen.» Die Kinaesthetics-Trainerin ist überzeugt: «Kinaesthetics steigert die Motivation der Mitarbeiter, führt zu weniger Krankheitsfällen und bietet so auch Pflegeeinrichtungen einen erheblichen Nutzen.»

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