Einen Schritt vorwärts machen

Januar 2019, Susanna Langenbach

Nicht unzufrieden, aber eher unterfordert – Ursina P. möchte ihre beruflichen Perspektiven erkennen und abschätzen können.

Ursina P. ist Ende zwanzig und arbeitet schon seit einigen Jahren als Pflegefachfrau in einem Akutspital. Sie meldet sich zu einem Beratungsgespräch an, weil sie mit einer unabhängigen Fachperson ihre beruflichen Perspektiven erkennen und abschätzen möchte. Sie hat verschiedene Ideen und findet zu keiner Entscheidung. Keine der Ideen überzeugt sie genug, um sie auch umzusetzen. Als wir Ursina P.s aktuelle Situation näher betrachten wird deutlich, dass sie nicht unzufrieden mit ihrer Stelle ist, vor allem das Team schätzt sie sehr. Es sind eher die Aufgaben, die nach einigen Berufsjahren auf derselben Station vertraut sind und dazu führen, dass sie sich unterfordert fühlt. Die Übernahme neuer Funktionen, wie zum Beispiel Praxisbegleiterin, hat sie mit ihrer Vorgesetzten besprochen und kann sich nicht wirklich dafür erwärmen.

Die Hindernisse
Wie also weiter? Was hindert sie, einen Schritt vorwärts zu tun? Möglicherweise das Fehlen …
• einer attraktiven Perspektive – wie es auf den ersten Blick den Anschein hat?
• von genügend Leidensdruck, weil die aktuelle Situation doch viele Vorteile hat?
• von Mut oder Selbstvertrauen, um sich in neue Situationen zu wagen?
• von Sicherheit in Bezug auf die Richtigkeit einer Entscheidung?
• Oder …
Je nach Ausgangspunkt sind andere Massnahmen nötig, um in Bewegung zu kommen. Ursina P. fühlt sich bei mehreren Punkten sehr angesprochen. Da sie nicht genau weiss, welcher für sie der entscheidende ist, verabreden wir Hausaufgaben, in denen sie den einzelnen Varianten nachgeht. Unter anderem soll Ursina P. ihre Vorstellungskraft nutzen, die sich wunderbar eignet, vorhandene (respektive erlebte) Hindernisse zu umgehen, indem sie sich ausmalt, sie hätte die nötigen Ressourcen, um sich ihnen gewachsen zu fühlen, statt an ihnen zu scheitern.

Ursina P. hat sich diverse Szenarien überlegt, die für sie attraktiv sind und dabei gemerkt, dass mit jeder Idee auch ein Aber mitschwingt. Dieses «Aber» drückt eine Angst aus und ist ein wesentlicher Faktor, der sie beim Umsetzen ihrer Ideen hemmt. Die Angst zeigt sich in unterschiedlicher Gestalt – je nach Szenario.

Ängste und Fantasien
So tauchen Existenzängste auf, wenn sie überlegt, ein Jahr Auszeit zu nehmen, um in einem Hilfsprojekt mitzuarbeiten. Es taucht die Angst vor  Fehlentscheidungen auf, wenn sie sich überlegt, mit einer Kollegin ein Literaturcafé zu eröffnen und nebenbei weiterhin in Teilzeit als Pflegefachfrau zu arbeiten. Es tauchen Versagensängste auf, wenn sie sich überlegt, sich Richtung Berufsschullehrerin zu entwickeln.
Wir überlegen gemeinsam, wie sie diesen Ängsten begegnen könnte, sodass sie den Entscheidungsprozess nicht weiter blockieren, sondern nützlich sind als wichtige Hinweise für nächste Abklärungsschritte. Ängste werden meist kleiner, wenn man sich ihnen nähert, vor allem, wenn man sie konkretisiert. Aus der Ferne haben sie die Tendenz, sich aufzubauschen und mit (Befürchtungs-)Fantasien zu füllen.
So könnte Ursina P. beim Szenario Hilfsprojekt zum Beispiel die finanziellen Risiken in konkreten Zahlen aufrechnen, abschätzen und so Ansätze entdecken, wie sie zu minimieren sind. Bei der Angst vor Fehlern ist es nützlich, sich vor Augen zu halten, dass es bei komplexen Entscheiden kein richtig und falsch gibt. Weiterführend kann ich mich fragen, was würde ich mehr bereuen: xy ausprobiert zu haben und möglicherweise merken, dass diese Richtung nicht weiter führt oder es nicht ausprobiert zu haben?

Fokus auf Ressourcen richten
Und bei der Angst vor Versagen könnte Ursina P. ihren Befürchtungen die eigenen Ressourcen gegenüberstellen und üben, den Fokus auf das zu richten, was ihr (bisher) gelungen ist und Grund gibt, auch in Zukunft auf ihr Können zu vertrauen.
Wer Selbstvertrauen hat, ist nicht seltener gescheitert, sondern richtet die Aufmerksamkeit auf das, was stärkt. Ursina P. entscheidet sich, vorerst einmal alle Szenarien weiter zu verfolgen und im besprochenen Sinn zu konkretisieren. Sie ist neugierig geworden auf diesen Prozess und möchte ihren Wünschen eine Chance geben, wahr zu werden.

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Susanna Langenbach

Susanna Langenbach ist Laufbahnberaterin für Gesundheitsberufe im biz Oerlikon. Regelmässige Informationsveranstaltungen vor Ort und individuelle Beratung unterstützen Interessierte beim Entscheiden und Umsetzen. Die Berufs- und Laufbahnberaterinnen kennen die Berufe im Gesundheitswesen, die Karrieremöglichkeiten und den Arbeitsalltag in Spitälern, Heimen oder der Pflege zu Hause.