Die schönen strengen Zeiten

August 2017, Josefa Kohler

Es gibt Tage, Wochen, sogar Monate, in denen alles rund läuft; die Schule macht mit, im Betrieb komme ich auch vorwärts und das Privatleben glänzt nur so vor sich hin. Und dann gibt es wieder diese Tage und Wochen, in denen mir alles über den Kopf wächst. 

In einer solchen Phase stecke ich gerade. Innerhalb von vier Arbeitstagen in einem ganzen Monat zwei Kompetenznachweise erledigen und nebenbei auch noch produktiv sein, ist hart. Kompetenznachweise sind praktische Prüfungen welche im Betrieb durchgeführt werden. Es wird immer ein Thema gelernt, erprobt und schlussendlich geprüft. Pro Semester hat man drei Kompetenznachweise vorzuführen. Natürlich findet die BMS, dass es genau in dieser Zeit wichtig sei, jede Woche noch 4 Prüfungen rein zu quetschen. Nur, weil sie nicht fähig sind die Prüfungen über das Semester zu verteilen.

Bin ich froh wenn diese Phase wieder vorbei ist und man am Abend, wenn man nach Hause kommt, nicht auch noch lernen muss, sondern einfach das Leben geniessen kann.  Das Schöne in dieser Zeit ist aber, wenn man nach drei Wochen wieder zur Arbeit kommt und es den Patienten auffällt, dass man lange abwesend war und sie zum Teil noch meinen Namen kennen. Dies mag jetzt komisch klingen, doch unser Team ist recht umfangreich und ich bin normalerweise nur 50% im Betrieb anwesend. Daher schmeichelt es mir schon ein bisschen. Und wenn dann noch ein Patient kommt, denn man erst gerade am Morgen kennengelernt hat, und etwas super Positives zu einem sagt, sind all diese Sorgen von Zeitdruck und Überforderung wieder wettgemacht. Naja, fast alle.

Letztens hatte ich einen Kompetenznachweis - es ging um die Tagesstruktur. Meine Aufgabe war es, die Morgenrunde/Stationsversammlung zu leiten. Dies mache ich mehr oder weniger seit Beginn meiner Ausbildung hier, und es ist mir immer ziemlich leichtgefallen; auf jeden Fall hatte ich noch nie grössere Schwierigkeiten. Aber heute, am Tag meiner Prüfung, konnte es nicht klappen.

Schon bevor es überhaupt anfing, sagte mir eine Patientin, die Stimmung sei explosiv. Ich dachte mir nichts dabei, denn die Stimmung ging schon ab und zu in diese Richtung. Ich verlas das Programm des heutigen Tages und anschliessend wurde das Wochenende besprochen und die Ämtli für die zwei Tage verteilt. Alles lief super. Doch dann wurden die Ämtli für die nächste Woche verteilt. Und da geschah etwas, dass ich noch nie erlebt habe. Nein, es stand niemand auf und verprügelte alle, es schmiss auch niemand seinen Stuhl durchs Zimmer. Zuerst meldete sich sogar ein Patient für die eine besagte Aufgabe. Doch ab da ging nichts mehr. Alle schwiegen. Die „Standartdrohung“ wie; „Ich habe den ganzen Tag lang Zeit …“ fruchtete nicht, genauso wenig wie: „Wenn sich niemand meldet, muss ich jemanden bestimmen ...“. Was macht man da? Also habe ich (sehr ungern) jemanden bestimmt. Dies war der schrecklichste Kompetenznachweis in meiner Laufbahn.

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Josefa Kohler

Josefa Kohler befindet sich im zweiten Ausbildungsjahr zur Fachfrau Gesundheit in der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, am Standort Rheinau. Für puls-berufe.ch erzählt sie aus ihrem Arbeitsalltag und berichtet von den Herausforderungen und den schönen Momenten, die dieser Beruf mit sich bringt.